Bombus dahlbomii

Hummeln aus aller Welt

Bombus dahlbomiiBombus dahlbomii ist die einzige in Patagonien heimische Hummelart und besitzt das südlichste Verbreitungsgebiet aller bekannten Hummelarten weltweit. In Chile reicht ihr Vorkommen von der Region Coquimbo bis nach Puerto Williams auf der Insel Navarino, einer der südlichsten dauerhaft bewohnten Siedlungen der Erde. In Argentinien besiedelt sie die Provinzen Neuquén, Río Negro, Chubut, Santa Cruz und Feuerland. Bevorzugter Lebensraum sind die kühl-gemäßigten, feuchten Wälder der Anden, die von Scheinbuchen der Gattung Nothofagus geprägt werden, daneben besiedelt die Art auch Täler und offenes Grasland bis in höhere Lagen. Anders als die später eingeschleppten europäischen Hummelarten fliegt sie auch an bewölkten und kühlen Tagen und bleibt dadurch bei Wetterbedingungen aktiv, die viele Konkurrentinnen im Nest verharren lassen.

Bombus dahlbomii  Bombus dahlbomii  Bombus dahlbomii

info hummelBombus dahlbomii trägt seit einer Bestätigung durch Guinness World Records im November 2014 den Titel der größten Hummelart der Welt. Königinnen erreichen eine Körperlänge von bis zu vier Zentimetern, was ihnen im Englischen die Beinamen „flying mouse” und „flying teddy bear” eingebracht hat.

Körperbau und Färbung

Der Körper ist von einer dichten, kräftig orangeroten Behaarung bedeckt, die sich über Thorax und Hinterleib erstreckt, während Beine, Flügel und die Körperunterseite dunkel gefärbt bleiben. Die langen, dichten Haare wirken als Isolierschicht und gelten als Anpassung an das raue, wechselhafte Klima Patagoniens. Diese Behaarung erlaubt es Arbeiterinnen und Königinnen, bei niedrigeren Temperaturen zu fliegen als es für die meisten anderen Hummelarten möglich ist, und unterscheidet die Art zugleich deutlich von den ebenfalls in der Region vorkommenden, überwiegend gelb-schwarz gezeichneten eingeschleppten Hummeln.

Bestäubung einheimischer Pflanzen

Als einzige heimische Hummelart Patagoniens übernimmt Bombus dahlbomii eine zentrale Rolle bei der Bestäubung zahlreicher endemischer Pflanzenarten sowie einiger landwirtschaftlicher Kulturen. Besonders eng ist ihre Beziehung zum Copihue (Lapageria rosea), der Nationalblume Chiles, die sie gemeinsam mit dem Feuerkolibri (Sephanoides sephaniodes) bestäubt. Durch schnelles Vibrieren ihrer Flugmuskulatur an der Blüte, eine als Vibrationsbestäubung bezeichnete Technik, löst sie Pollen aus Staubbeuteln, die sich sonst kaum öffnen. Eine Untersuchung fragmentierter Regenwaldreste in Südchile zeigte, dass sowohl der Kolibri als auch die Hummel Blüten des Copihue in kleinen Waldresten seltener besuchten als in zusammenhängendem Wald. Die Folge waren eine geringere Pollenkeimung und weniger Samen pro Frucht, was die langfristige Bestandsfähigkeit der Pflanze in zerschnittenen Landschaften gefährdet.

Fortpflanzung und Nistweise

Eine einzelne, im Vorjahr begattete Königin gründet nach der Überwinterung im Frühjahr allein ein neues Volk, das nur eine Saison besteht. Bombus dahlbomii nistet bevorzugt unterirdisch, häufig in verlassenen Bauten von Nagetieren, daneben auch in hohlen Baumstämmen oder Felsspalten in Wald- und Grünlandgebieten.

Rückgang durch eingeschleppte Hummelarten

Der Bestand von Bombus dahlbomii ist seit den 1990er Jahren stark eingebrochen, nachdem zwei europäische Hummelarten für die kommerzielle Landwirtschaft nach Chile importiert wurden:

  • Bombus ruderatus wurde 1982 und 1983 zur Bestäubung von Rotklee eingeführt.
  • Bombus terrestris wurde ab 1997 in großem Umfang für die Tomatenbestäubung in Gewächshäusern importiert, seither wurden über eine Million Kolonien nach Chile verbracht. Über die Anden hinweg erreichte die Art 2006 auch die argentinische Seite Patagoniens.

Beide Arten stehen in direkter Konkurrenz um Blütenressourcen mit der einheimischen Hummel. Hinzu kommt die Übertragung von Krankheitserregern: Kommerziell gezüchtete Kolonien von Bombus terrestris trugen den einzelligen Parasiten Apicystis bombi in sich, der auf wildlebende Bombus dahlbomii übersprang und als wesentlicher Faktor für den beobachteten Bestandseinbruch gilt. In manchen Gebieten verschwand die einheimische Art bereits innerhalb weniger Jahre nach dem Auftauchen von Bombus terrestris nahezu vollständig, insbesondere im nördlichen Teil ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets.

Bestandssituation und Schutzstatus

Die Internationale Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) stufte Bombus dahlbomii 2016 als gefährdet (endangered) ein. Grundlage war ein geschätzter Bestandsrückgang von rund 54 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Aus mehreren Teilen ihres früheren Verbreitungsgebiets gilt die Art inzwischen als lokal ausgestorben, während sich Bombus terrestris weiter nach Süden ausbreitet. 2024 veröffentlichten Forscher eine vollständige, chromosomenbasierte Genomsequenzierung der Art, die künftig als Grundlage für populationsgenetische Untersuchungen und gezielte Schutzmaßnahmen dienen soll.

Bedeutung in der Kultur der Mapuche

Bei den Mapuche, den indigenen Bewohnern Zentral- und Südchiles sowie angrenzender Gebiete Argentiniens, besitzt die Art seit langer Zeit kulturelle Bedeutung. In der Sprache Mapudungun sind mehrere Bezeichnungen überliefert, von denen eine besonders eng mit religiösen Vorstellungen verknüpft ist:

  • Diwlliñ, dulliñ, shiulliñ und diwmeñ sind gebräuchliche Bezeichnungen für die Hummel.
  • Pullomeñ leitet sich von den Wörtern für „Fliege” und für umherirrende Geister ab. Der Überlieferung nach konnte die Hummel den Geist eines verstorbenen Angehörigen oder eines im Kampf gefallenen Anführers verkörpern, weshalb es als Tabu galt, ein Tier im Haus zu töten.

Der von der Art produzierte Honig, Mishki genannt, galt als Heilmittel, insbesondere gegen Erkältungskrankheiten, und wurde historisch auch als Abgabe entrichtet. Seine medizinische Anwendung oblag vor allem den Machi, den traditionellen Heilerinnen der Mapuche. Die Hummel wurde zudem als weibliches Symbol für Fleiß gedeutet und fand sich als Motiv auf silbernem Schmuck (Peñpeñel) sowie in der Form traditioneller Tongefäße wieder, die an Wabenzellen erinnern. Bis heute erinnern Ortsnamen wie Dullinco („Hummelwasser”) oder Misquihue („Ort des Honigs”) an ihre einstige Verbreitung und Bedeutung.

Quellen

  • Bumblebee Conservation Trust: Bumblebees of the World . . . #1 Bombus dahlbomii, bumblebeeconservation.org/bumblebees-of-the-world-1-bombus-dahlbomii/
  • IUCN Bumblebee Specialist Group / IUCN Red List: Amazing Species: Bombus dahlbomii, nc.iucnredlist.org/redlist/amazing-species/bombus-dahlbomii/pdfs/original/bombus-dahlbomii.pdf
  • Guinness World Records: Largest bumblebee species, Rekord bestätigt am 11. November 2014, guinnessworldrecords.com/world-records/341605-largest-bumblebee-species
  • Genome Biology and Evolution (Oxford Academic), 2024: Chromosome-Level Assembly and Annotation of the Genome of the Endangered Giant Patagonian Bumble Bee Bombus dahlbomii, academic.oup.com/gbe/article/16/7/evae146/7708904
  • Montalva, J. et al., 2020: Ethnoentomology: The Giant Bumble Bee (Bombus dahlbomii) in Mapuche Cosmovision, veröffentlicht vom Instituto de Ecología y Biodiversidad (IEB) Chile, ieb-chile.cl/wp-content/uploads/2021/05/montalva-etal-2020-ethnoentomology.pdf
  • Biodiversity and Conservation (Springer): Depressed Pollination of Lapageria rosea Ruiz et Pav. (Philesiaceae) in the Fragmented Temperate Rainforest of Southern South America, link.springer.com/article/10.1007/s10531-004-6683-4
  • Noticias Ambientales: The endangered red-tailed bumblebee: the furry guardian of the southern forests fighting to survive, noticiasambientales.com/animals/the-endangered-red-tailed-bumblebee-the-furry-guardian-of-the-southern-forests-fighting-to-survive/
  • Bild: By Pato Novoahttps://www.flickr.com/photos/64933790@N00/8436046571/, CC BY 2.0, Link
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(14 Bewertungen gesamt. Ø 4,71 / 5)
Stefan

Über Stefan

Töging am Inn (Südostbayern), 398m
Ansicht von 15 Beiträgen – 1 bis 15 (von insgesamt 39)
  • Autor
    Beiträge
  • #6289
    Detter
    Forenmitglied

      Die Patagonische (Chile; Argentinien) Riesenhummel (4cm!) ist kurz vor dem Aussterben, auch weil sie von der europäischen Erdhummel verdrängt wird.
      Hier ein paar seltene Aufnahmen.

      Vielleicht die letzten Aufnahmen dieser seltenen Spezies?

      #29430
      Stefan
      Admin
      Beitragsersteller
        • DE 84513
        • 398 m

        Danke Detter für diese Aufnahmen, Außergewöhnlich hübsch sind sie nebenbei auch noch.

        #29437
        Detter
        Forenmitglied

          @Stefan, nach fast einem Jahr doch noch das Video entdeckt.

          #29439
          Stefan
          Admin
          Beitragsersteller
            • DE 84513
            • 398 m

            Nö, Deinen “Link-Murks” repariert!

            Bei YouTube reicht einfach der Link selbst, ohne “Link”. Naja, Du weißt schon was ich meine…

            #39945
            Marylou
            Forenmitglied
              • DE 41363
              • 61 m

              Das sind ja regelrechte “Flauschis” und so schön groß.

              Schade, dass es diese “fliegenden Mäuse” nicht in Europa gibt; dafür haben wir dann die “wühlenden Mäuse”.

              #39951
              Stefan
              Admin
              Beitragsersteller
                • DE 84513
                • 398 m

                dafür haben wir dann die “wühlenden Mäuse”.

                Beim Blick in meinen Geldbeutel wohl eher die “fehlenden Mäuse”… :doh: :lol:

                Für mich ist Bombus dahlbomii eine der schönsten Hummelarten.

                #39954
                Christian
                Forenmitglied
                  • A-4800, 4851
                  • 420, 510 m

                  Vielleicht sollen wir sie importieren. :lol:

                  #40040
                  Stefan
                  Admin
                  Beitragsersteller
                    • DE 84513
                    • 398 m

                    #40935
                    Christian
                    Forenmitglied
                      • A-4800, 4851
                      • 420, 510 m

                      Von einem Freund und Projektpartner in Patagonien (Argentinien) unseres Sozialvereines hier – wir unterstützen dort eine Schule – habe ich heute Fotos von Hummeln erhalten. Es ist dort Sommer. Denke es wird wohl für alle hier im Forum schwer sein, diese Hummeln zu bestimmen – sehen unseren Erdhummeln ziemlich ähnlich und vielleicht gibt es solche dort auch? Bekomme noch weitere Fotos, die ich gerne im Forum veröffentlichen würde, wenn ich darf?

                      Foto/Video:
                      #40939
                      Stefan
                      Admin
                      Beitragsersteller
                        • DE 84513
                        • 398 m

                        Hallo Christian!

                        Selbstverständlich gerne!

                        #40942
                        Martin
                        Forenmitglied

                          Die sehen nicht nur so aus, sondern das sind tatsächlich Dunkle Erdhummeln (Bombus terrestris). Diese wurden (und werden dort leider immer noch) zur Bestäubung eingeführt, breiteten sich in Windeseile aus und verdrängen die dort heimische Hummel Bombus dahlbomii. Näheres dazu kann man u.a. bei Dave Goulson nachlesen (Bee Quest, Die seltensten Bienen der Welt). Es gibt mit der Feldhummel (Bombus ruderatus) noch eine weitere europäische Art, die dort zur Bestäubung eingeschleppt wurde.

                          https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2013/12/invasive-bumble-bees.html

                          Martin

                          #40943
                          Christian
                          Forenmitglied
                            • A-4800, 4851
                            • 420, 510 m

                            Danke Stefan und Martin,

                            das Buch von Dave Goulson habe ich auch – kenne die fatalen Folgen der Einbürgerung der Erdhummeln in Südamerika. Da kann ich mir also ersparen, weitere Hummelbilder aus Patagonien zu veröffentlichen, denn Erdhummeln kennt wohl jeder. Aber wenn ich Fotos von orangen Patog. Riesenhummeln, die “fliegenden Mäuschen” wie sie auch genannt werden, bekäme, wäre das wohl eine Sensation, damit rechne ich nicht wirklich. Muss ich mal meinen Freund dort fragen, ob er solche Explare schon gesehen hat…

                            #40946
                            Stefan
                            Admin
                            Beitragsersteller
                              • DE 84513
                              • 398 m

                              Ja bitte! Diese Chance und das Angebot solltest Du nutzen!

                              #41012
                              Christian
                              Forenmitglied
                                • A-4800, 4851
                                • 420, 510 m

                                Bekam noch zahlreiche Fotos der “Patog. Erdhummeln”, habe den Freund in Junin de los Andes gebeten weiter nach anderen Hummeln, ev. den orangen Riesenhummeln, Ausschau zu halten und für mich zu fotografieren. Mal sehen…

                                Foto/Video:
                                #41093
                                Stefan
                                Admin
                                Beitragsersteller
                                  • DE 84513
                                  • 398 m

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