Bombus dahlbomii
Bombus dahlbomii ist die einzige in Patagonien heimische Hummelart und besitzt das südlichste Verbreitungsgebiet aller bekannten Hummelarten weltweit. In Chile reicht ihr Vorkommen von der Region Coquimbo bis nach Puerto Williams auf der Insel Navarino, einer der südlichsten dauerhaft bewohnten Siedlungen der Erde. In Argentinien besiedelt sie die Provinzen Neuquén, Río Negro, Chubut, Santa Cruz und Feuerland. Bevorzugter Lebensraum sind die kühl-gemäßigten, feuchten Wälder der Anden, die von Scheinbuchen der Gattung Nothofagus geprägt werden, daneben besiedelt die Art auch Täler und offenes Grasland bis in höhere Lagen. Anders als die später eingeschleppten europäischen Hummelarten fliegt sie auch an bewölkten und kühlen Tagen und bleibt dadurch bei Wetterbedingungen aktiv, die viele Konkurrentinnen im Nest verharren lassen.
Körperbau und Färbung
Der Körper ist von einer dichten, kräftig orangeroten Behaarung bedeckt, die sich über Thorax und Hinterleib erstreckt, während Beine, Flügel und die Körperunterseite dunkel gefärbt bleiben. Die langen, dichten Haare wirken als Isolierschicht und gelten als Anpassung an das raue, wechselhafte Klima Patagoniens. Diese Behaarung erlaubt es Arbeiterinnen und Königinnen, bei niedrigeren Temperaturen zu fliegen als es für die meisten anderen Hummelarten möglich ist, und unterscheidet die Art zugleich deutlich von den ebenfalls in der Region vorkommenden, überwiegend gelb-schwarz gezeichneten eingeschleppten Hummeln.
Bestäubung einheimischer Pflanzen
Als einzige heimische Hummelart Patagoniens übernimmt Bombus dahlbomii eine zentrale Rolle bei der Bestäubung zahlreicher endemischer Pflanzenarten sowie einiger landwirtschaftlicher Kulturen. Besonders eng ist ihre Beziehung zum Copihue (Lapageria rosea), der Nationalblume Chiles, die sie gemeinsam mit dem Feuerkolibri (Sephanoides sephaniodes) bestäubt. Durch schnelles Vibrieren ihrer Flugmuskulatur an der Blüte, eine als Vibrationsbestäubung bezeichnete Technik, löst sie Pollen aus Staubbeuteln, die sich sonst kaum öffnen. Eine Untersuchung fragmentierter Regenwaldreste in Südchile zeigte, dass sowohl der Kolibri als auch die Hummel Blüten des Copihue in kleinen Waldresten seltener besuchten als in zusammenhängendem Wald. Die Folge waren eine geringere Pollenkeimung und weniger Samen pro Frucht, was die langfristige Bestandsfähigkeit der Pflanze in zerschnittenen Landschaften gefährdet.
Fortpflanzung und Nistweise
Eine einzelne, im Vorjahr begattete Königin gründet nach der Überwinterung im Frühjahr allein ein neues Volk, das nur eine Saison besteht. Bombus dahlbomii nistet bevorzugt unterirdisch, häufig in verlassenen Bauten von Nagetieren, daneben auch in hohlen Baumstämmen oder Felsspalten in Wald- und Grünlandgebieten.
Rückgang durch eingeschleppte Hummelarten
Der Bestand von Bombus dahlbomii ist seit den 1990er Jahren stark eingebrochen, nachdem zwei europäische Hummelarten für die kommerzielle Landwirtschaft nach Chile importiert wurden:
- Bombus ruderatus wurde 1982 und 1983 zur Bestäubung von Rotklee eingeführt.
- Bombus terrestris wurde ab 1997 in großem Umfang für die Tomatenbestäubung in Gewächshäusern importiert, seither wurden über eine Million Kolonien nach Chile verbracht. Über die Anden hinweg erreichte die Art 2006 auch die argentinische Seite Patagoniens.
Beide Arten stehen in direkter Konkurrenz um Blütenressourcen mit der einheimischen Hummel. Hinzu kommt die Übertragung von Krankheitserregern: Kommerziell gezüchtete Kolonien von Bombus terrestris trugen den einzelligen Parasiten Apicystis bombi in sich, der auf wildlebende Bombus dahlbomii übersprang und als wesentlicher Faktor für den beobachteten Bestandseinbruch gilt. In manchen Gebieten verschwand die einheimische Art bereits innerhalb weniger Jahre nach dem Auftauchen von Bombus terrestris nahezu vollständig, insbesondere im nördlichen Teil ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets.
Bestandssituation und Schutzstatus
Die Internationale Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) stufte Bombus dahlbomii 2016 als gefährdet (endangered) ein. Grundlage war ein geschätzter Bestandsrückgang von rund 54 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Aus mehreren Teilen ihres früheren Verbreitungsgebiets gilt die Art inzwischen als lokal ausgestorben, während sich Bombus terrestris weiter nach Süden ausbreitet. 2024 veröffentlichten Forscher eine vollständige, chromosomenbasierte Genomsequenzierung der Art, die künftig als Grundlage für populationsgenetische Untersuchungen und gezielte Schutzmaßnahmen dienen soll.
Bedeutung in der Kultur der Mapuche
Bei den Mapuche, den indigenen Bewohnern Zentral- und Südchiles sowie angrenzender Gebiete Argentiniens, besitzt die Art seit langer Zeit kulturelle Bedeutung. In der Sprache Mapudungun sind mehrere Bezeichnungen überliefert, von denen eine besonders eng mit religiösen Vorstellungen verknüpft ist:
- Diwlliñ, dulliñ, shiulliñ und diwmeñ sind gebräuchliche Bezeichnungen für die Hummel.
- Pullomeñ leitet sich von den Wörtern für „Fliege” und für umherirrende Geister ab. Der Überlieferung nach konnte die Hummel den Geist eines verstorbenen Angehörigen oder eines im Kampf gefallenen Anführers verkörpern, weshalb es als Tabu galt, ein Tier im Haus zu töten.
Der von der Art produzierte Honig, Mishki genannt, galt als Heilmittel, insbesondere gegen Erkältungskrankheiten, und wurde historisch auch als Abgabe entrichtet. Seine medizinische Anwendung oblag vor allem den Machi, den traditionellen Heilerinnen der Mapuche. Die Hummel wurde zudem als weibliches Symbol für Fleiß gedeutet und fand sich als Motiv auf silbernem Schmuck (Peñpeñel) sowie in der Form traditioneller Tongefäße wieder, die an Wabenzellen erinnern. Bis heute erinnern Ortsnamen wie Dullinco („Hummelwasser”) oder Misquihue („Ort des Honigs”) an ihre einstige Verbreitung und Bedeutung.
Quellen
- Bumblebee Conservation Trust: Bumblebees of the World . . . #1 Bombus dahlbomii, bumblebeeconservation.org/bumblebees-of-the-world-1-bombus-dahlbomii/
- IUCN Bumblebee Specialist Group / IUCN Red List: Amazing Species: Bombus dahlbomii, nc.iucnredlist.org/redlist/amazing-species/bombus-dahlbomii/pdfs/original/bombus-dahlbomii.pdf
- Guinness World Records: Largest bumblebee species, Rekord bestätigt am 11. November 2014, guinnessworldrecords.com/world-records/341605-largest-bumblebee-species
- Genome Biology and Evolution (Oxford Academic), 2024: Chromosome-Level Assembly and Annotation of the Genome of the Endangered Giant Patagonian Bumble Bee Bombus dahlbomii, academic.oup.com/gbe/article/16/7/evae146/7708904
- Montalva, J. et al., 2020: Ethnoentomology: The Giant Bumble Bee (Bombus dahlbomii) in Mapuche Cosmovision, veröffentlicht vom Instituto de Ecología y Biodiversidad (IEB) Chile, ieb-chile.cl/wp-content/uploads/2021/05/montalva-etal-2020-ethnoentomology.pdf
- Biodiversity and Conservation (Springer): Depressed Pollination of Lapageria rosea Ruiz et Pav. (Philesiaceae) in the Fragmented Temperate Rainforest of Southern South America, link.springer.com/article/10.1007/s10531-004-6683-4
- Noticias Ambientales: The endangered red-tailed bumblebee: the furry guardian of the southern forests fighting to survive, noticiasambientales.com/animals/the-endangered-red-tailed-bumblebee-the-furry-guardian-of-the-southern-forests-fighting-to-survive/
- Bild: By Pato Novoa – https://www.flickr.com/photos/64933790@N00/8436046571/, CC BY 2.0, Link
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- Bild: inaturalist.org
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Stefan aktualisiert.
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