Dickkopffliege (Conopidae)
Dickkopffliegen bilden eine eigene Familie innerhalb der Zweiflügler, die Conopidae. Namensgebend ist ihr auffällig aufgeblasen wirkender Kopf. Der Körper ist meist schlank gebaut, das Abdomen häufig seitlich zusammengedrückt und nach vorn eingekrümmt. Je nach Art liegt die Körperlänge zwischen etwa drei und achtzehn Millimetern.
In Färbung und Körperform ähneln viele Dickkopffliegen ihren Wirten aus der Gruppe der Hautflügler. Schwarzgelbe Musterungen erinnern an Wespen, andere Arten sind rotbraun gefärbt und wirken auf den ersten Blick wie kleine Hummeln. Diese Ähnlichkeit erschwert eine schnelle Unterscheidung im Feld. Eine sichere Bestimmung bis zur Art gelingt vorwiegend nur anhand von Merkmalen wie der Fühlerform oder, bei Weibchen, der sogenannten Theca am Hinterleibsende.
Jagd und Eiablage
Die Weibchen suchen blühende Pflanzen auf, an denen Hummeln und andere Hautflügler Nektar oder Pollen sammeln. Von der Vegetation in Nestnähe oder direkt von einer Blüte aus stürzen sie sich im Flug auf einen vorbeifliegenden Wirt. Mit der Theca, einer chitinisierten Struktur am fünften Hinterleibssegment, umklammern sie das Insekt für einen kurzen Moment und heften ein einzelnes Ei an dessen Körper. Das Ei trägt einen hakenförmigen Fortsatz, mit dem es sich in der Wirtshülle verankert, bevor die schlüpfende Larve in den Hinterleib eindringt.
Nach diesem kurzen Angriff fliegt die Hummel zunächst unbeeinträchtigt weiter und trägt die Fliegenlarve mit sich, ohne dass äußerlich eine Veränderung erkennbar wäre.
Entwicklung der Larve im Wirt
Die geschlüpfte Larve ernährt sich zunächst von der Hämolymphe des Wirts. Mit fortschreitender Entwicklung frisst sie sich durch das Fettgewebe und schließlich durch innere Organe im Hinterleib. Bei Sicus ferrugineus, einer der häufigsten mitteleuropäischen Arten, dauert diese Phase bis zur Verpuppung etwa zehn bis zwölf Tage. Der Wirt stirbt erst spät im Verlauf dieser Entwicklung, kurz bevor sich die Larve verpuppt.
Die Verpuppung findet im Körper des toten Wirts statt, das Puparium überwintert dort. Im folgenden Frühjahr presst die schlüpfende Fliege mit einer aufpumpbaren Stirnblase die verbliebene Chitinhülle des Wirts auf und verlässt ihn durch die entstandene Öffnung.
Verhaltensänderung des Wirts
Kurz vor ihrem Tod zeigen befallene Arbeiterinnen der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) ein auffälliges Verhalten: Statt weiter Blüten anzufliegen, beginnen sie, sich in den Boden einzugraben. Dieses Verhalten wurde in einer Studie zur Wirt-Parasit-Beziehung zwischen Sicus ferrugineus und Hummeln dokumentiert und gilt als Beleg dafür, dass die Fliegenlarve das Verhalten ihres Wirts in der Endphase der Entwicklung beeinflusst.
Wirtsspektrum
Hauptwirte der Dickkopffliegen sind Hummeln und Wespen. Seltener befallen sie Furchenbienen, Sandbienen oder Heuschrecken. Innerhalb der Familie sind einzelne Arten stark auf bestimmte Wirtsgruppen spezialisiert, andere weniger wählerisch. Sicus ferrugineus etwa parasitiert mehrere heimische Hummelarten, darunter:
- Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris)
- Ackerhummel (Bombus pascuorum)
- Gartenhummel (Bombus hortorum)
- Steinhummel (Bombus lapidarius)
Vorkommen und Lebensraum
Die erwachsenen Fliegen sind je nach Art von Mai bis September unterwegs. Sie besuchen bevorzugt Doldenblütler wie den Wiesen-Bärenklau, Korbblütler wie Disteln und Habichtskräuter sowie einzelne Lippenblütler und ernähren sich dort von Nektar und Pollen. Als Lebensraum bevorzugen sie Wiesen, Hecken, Waldränder und Gärten mit reichem Blütenangebot, ausgesprochen trockene Standorte meiden die meisten Arten.
Verbreitung und Artenvielfalt
In Mitteleuropa kommen schätzungsweise rund 70 Arten der Dickkopffliegen vor. Die Gattungen Conops und Sicus gehören zu den bekanntesten, da ihre Vertreter regelmäßig auf Blüten zu beobachten sind. Das Erbgut von Sicus ferrugineus wurde erst kürzlich vollständig entschlüsselt. Es handelt sich dabei um die erste vollständige Genomsequenz einer Art aus dieser Fliegenfamilie überhaupt.
Quellen
- Schmid-Hempel, P., Müller, C., Schmid-Hempel, R., Shykoff, J. A. (1990): Frequency and ecological correlates of parasitism by conopid flies (Conopidae, Diptera) in populations of bumblebees. Insectes Sociaux, Band 37, Nr. 1, S. 14–30. Link: link.springer.com/article/10.1007/BF02223812
- Wildbienen.de: Wildbienen-Parasiten: Dickkopffliegen (Conopidae): Conops, Sicus spec. Link: www.wildbienen.de/wbi-p811.htm
- Makro-Treff: Gemeine Breitstirnblasenkopffliege (Sicus ferrugineus). Link: www.makro-treff.de/de/galerie/gemeine-breitstirnblasenkopffliege-sicus-ferrugineus
- Tier und Natur: Zweiflügler (Diptera): Fliegen: Blasenkopf- bzw. Dickkopffliegen (Conopidae). Link: www.tierundnatur.de/bar-cono.htm
- Arthropodafotos.de: Sicus ferrugineus, Gemeine Breitstirnblasenkopffliege. Link: arthropodafotos.de/dbsp.php (Suchbegriff Sicus ferrugineus)
- Aktion Hummelschutz: Parasiten und Feinde von Hummeln. Link: aktion-hummelschutz.de/biologie/parasiten-und-feinde-von-hummeln/
- Chlorophil: Von Räubern und Kuckucken. Link: www.chlorophil.de/interaktionen/von-raeubern-und-kuckucken/
- Wellcome Open Research / PMC: The genome sequence of the ferruginous bee-grabber, Sicus ferrugineus (Linnaeus, 1761). Link: wellcomeopenresearch.org/articles/7-91 bzw. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10282563/
- inaturalist.org
- inaturalist.org


