Höhenhummel (Bombus sichelii)
Die Höhenhummel (Bombus sichelii) gehört zur Untergattung Melanobombus und ist damit näher mit der Steinhummel (Bombus lapidarius) verwandt als mit den meisten anderen europäischen Hummelarten. Ihr wissenschaftlicher Name erinnert an den französischen Entomologen Frédéric Jules Sichel, der im 19. Jahrhundert zahlreiche Insektenarten beschrieb. Die mitteleuropäische Gebirgspopulation wird als eigene Unterart geführt, Bombus sichelii alticola.
Der Schwerpunkt des Vorkommens liegt in den Gebirgen Europas: Pyrenäen, Alpen, Balkan und Karpaten, mit Ausläufern bis in den Kaukasus und den Nordosten Anatoliens. In Deutschland tritt die Art ausschließlich in den bayerischen Alpen auf, meist in Höhenlagen zwischen 1900 und 2700 Metern, vereinzelt schon ab etwa 1300 Metern. In Österreich ist sie mit Ausnahme des Burgenlands in allen Bundesländern nachgewiesen, in der Schweiz vor allem im Alpenraum und gelegentlich im Mittelland und im Jura.
Weiter östlich reicht das Verbreitungsgebiet weit über die Gebirge hinaus. Die Art besiedelt palaearktische Regionen bis nach Sibirien und in den Fernen Osten, mit insgesamt fünf beschriebenen Unterarten. Isolierte Tieflandvorkommen sind aus dem europäischen Norden Russlands bekannt, etwa aus der Region Archangelsk, wo die Höhenhummel Wiesen und Wegränder im Flachland besiedelt. 2025 gelang außerdem der Nachweis einer Population im äußersten Nordosten Polens, in der Region Suwalszczyzna. Dort war die Art seit den letzten gesicherten Beobachtungen vor dem Zweiten Weltkrieg in der Puszcza Białowieska als verschwunden gegolten.
Diese Tieflandvorkommen zeigen, dass Bombus sichelii trotz ihres deutschen Namens keine reine Gebirgsart ist. Entscheidend ist offenbar weniger die Höhenlage selbst als ein kühles Klima mit einem durchgehenden Blütenangebot.
Kennzeichen und Bestimmung
Königinnen erreichen eine Körperlänge von 17 bis 20 Millimetern, Arbeiterinnen 13 bis 16 Millimeter und Drohnen 13 bis 15 Millimeter. Der Rüssel ist mittellang. Die Grundfärbung ist schwarz mit drei graugelben Querbinden: einer am kopfnahen Bereich des Thorax, einer auf dem Scutellum und einer zwischen dem ersten und zweiten Tergit. Das Hinterleibsende, vom vierten bis sechsten Tergit, ist blassrot bis rötlichgelb gefärbt.
Verwechslungsgefahr besteht vor allem mit der ähnlich gefärbten Pyrenäenhummel (Bombus pyrenaeus). Unterscheiden lassen sich beide Arten durch eine tiefe Einkerbung im Labrum der Höhenhummel, einen gabelig eingeschnittenen sechsten Tergiten sowie eine dunkel gefärbte Unterseite des Thorax.
Nestbau, Nahrung und Fortpflanzung
Die Höhenhummel legt ihre Nester unterirdisch an und bezieht dafür meist verlassene Mäusenester. Ein Volk umfasst bis zu 150 Tiere. Wie die meisten mitteleuropäischen Hummelarten bildet sie nur eine Generation pro Jahr. Überwinterte Königinnen erscheinen je nach Höhenlage zwischen Ende April und Juni, Arbeiterinnen ab Mitte Mai, Jungköniginnen und Drohnen ab Anfang August.
Bei der Nahrungssuche ist die Art polylektisch und nutzt Blüten aus vielen verschiedenen Pflanzenfamilien. In den Alpen wurde sie unter anderem an Rotklee (Trifolium pratense) und Gewöhnlicher Goldrute (Solidago virgaurea) beobachtet, in den Tieflandvorkommen Russlands an Schmalblättrigem Weidenröschen, Acker-Kratzdistel und ebenfalls Rotklee.
Kuckuckshummel und Gefährdung
Als Sozialparasit nutzt die Feld-Kuckuckshummel (Bombus campestris) die Nester der Höhenhummel, um dort ihre eigenen Nachkommen aufzuziehen.
In Deutschland gilt die Art als sehr selten und wird in der Roten Liste als Gefährdung unbekannten Ausmaßes eingestuft. In der Schweiz stufen die Roten Listen sie dagegen als nicht gefährdet ein. In den Alpen hängt der Bestand von strukturreichen, extensiv genutzten Landschaften mit durchgehendem Blütenangebot ab. Intensivere Beweidung, der Rückgang artenreicher Bergwiesen und der Klimawandel können diese Lebensräume einschränken und fragmentieren. Der Fund in Polen 2025 unterstreicht, wie wenig über die tatsächliche Verbreitung der Höhenhummel noch bekannt ist. Gerade die isolierten Tieflandvorkommen könnten zeigen, dass die Art anpassungsfähiger ist, als ihr deutscher Name vermuten lässt.
Quellen
- wildbienen.de (Hans-Jürgen Martin, Johann Neumayer): Artenportrait Bombus sichelii mit Systematik, Merkmalen, Nahrung, Fortpflanzung, Kuckuckshummel und Rote-Liste-Status, https://www.wildbienen.de/b-sichel.htm
- Eurac Research: Artenprofil Bombus sichelii, Lebensraum und Thermoregulation, https://beehold.eurac.edu/en/b/bombus-sichelii/
- Fragmenta Faunistica (2025, Dubicka-Czechowska, Czechowski & Pawlikowski): Isolierter Nachweis von Bombus sichelii im Nordosten Polens nach vermuteter Ausrottung seit dem Zweiten Weltkrieg, https://www.researchgate.net/publication/400393488
- International Journal of Applied and Fundamental Research (Potapov & Kolosova): Verbreitung und Habitatpräferenzen von Bombus sichelii in der Region Archangelsk, Nordrussland, https://applied-research.ru/en/article/view?id=11869
- Swiss Nature: Nachweis und Gefährdungsstatus (Rote Liste: nicht bedroht) in der Schweiz, https://www.swissnature.org/Pages/NatureEvidence.aspx?Id=8174
- Wikipedia (englisch): Sichel’s bumblebee, Verbreitung, Systematik und Namensgebung, https://en.wikipedia.org/wiki/Sichel%27s_bumblebee
- Dzicy zapylacze (polnisches Wildbienenportal): Wiederfund und Verbreitung von Bombus sichelii in Polen, https://dzicyzapylacze.pl/trzmiel-zoltopasy-bombus-sichelii/
- inaturalist.org
- inaturalist.org
- inaturalist.org
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Stefan aktualisiert.
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