Baltische Hummel (Bombus semenoviellus)
Die Baltische Hummel (Bombus semenoviellus) gehört zur Untergattung Cullumanobombus innerhalb der Echten Hummeln. Der russische Entomologe Alexander Skorikov beschrieb die Art 1910 und benannte sie nach dem Zoologen Andrei Petrowitsch Semjonow Tjan Schanski, der einen Teil der Typusserie gesammelt hatte. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet liegt in der Mongolei und reicht von dort über weite Teile Sibiriens bis in den europäischen Teil Russlands. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann die Art, sich nach Westen auszubreiten.
1998 wurde sie erstmals bei Lübeck nachgewiesen. Dieser Fund gilt als erster Beleg für Mitteleuropa überhaupt und wurde im Jahr 2000 von Johann van der Smissen und Pierre Rasmont veröffentlicht. In den folgenden Jahren kamen Nachweise aus Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen hinzu. Niedersachsen markiert bislang den westlichsten bekannten Fundpunkt. 2009 gelang der Nachweis im niederösterreichischen Waldviertel, 2013 dann auf der norwegischen Insel Hvaler, dem bisher nördlichsten Fundort. Nach Osten reicht das Verbreitungsgebiet bis nach Tuwa, ein einzelner älterer Bericht aus dem Jahr 1961 nennt sogar die Republik Sacha in Ostsibirien. Nach Süden erstreckt sich das Vorkommen bis nach Bayern, Nordösterreich, in die Slowakei, in die Ukraine und ins russische Orenburg. In Finnland kommt die Art bis zum Polarkreis vor, in Russland bis nach Karelien, Archangelsk, Komi und Perm. Aus Schweden liegen bislang keine Nachweise vor.
Merkmale und Unterscheidung
In Größe und Farbmuster ähnelt die Baltische Hummel der Heidehummel (Bombus jonellus) und der etwas größeren Gartenhummel (Bombus hortorum). Vorderer und hinterer Thorax tragen je eine gelbe Querbinde, das erste Hinterleibssegment ist in der Mitte dunkel behaart, an den Seiten dagegen weiß und buschig. Die Segmente vier bis sechs sind weiß behaart. Im Gesicht trägt die Art helle Haare, während die Heidehummel dort schwarz behaart ist. Der Kopf wirkt zudem runder als bei der Gartenhummel.
Bei den Männchen liefern die Genitalstrukturen das eindeutigste Merkmal gegenüber der Heidehummel: Die Volsellen sind bei Bombus semenoviellus deutlich länger, und die Gonostyli tragen an der Innenseite eine Zähnung, die bei Bombus jonellus fehlt. Königinnen, Arbeiterinnen und Männchen unterscheiden sich außerdem in ihrer Größe.
Königinnen
- Körperlänge: 17–22 mm
- Flügelspannweite: 35–40 mm
- Rüssellänge: 19–21 mm
Arbeiterinnen
- Körperlänge: 11–16 mm
- Flügelspannweite: 28–32 mm
- Rüssellänge: 14–16 mm
Männchen
- Körperlänge: 13–15 mm
- Flügelspannweite: 28–32 mm
- Rüssellänge: ca. 15 mm
Lebensraum
Ursprünglich besiedelte die Art lichte Kiefernwälder der südlichen Taiga sowie Waldsteppen, extensiv genutzte und halbtrockene Grasländer, Ruderalflächen und Feuchtwiesen vom Tiefland bis in mittlere Höhenlagen. In Mitteleuropa nutzt sie zusätzlich Waldlichtungen, Waldwege und Waldränder sowie blütenreiche Kulturlandschaften wie Wiesen, Ruderalflächen, Gärten und Parks in der Nähe menschlicher Siedlungen mit warmem, trockenem Sommerklima.
Nistweise und Nahrung
Die Baltische Hummel nistet unterirdisch in verlassenen Mäusebauten. Ihre Völker bleiben mit bis zu 80 Tieren vergleichsweise klein, gemessen an anderen Hummelarten mit deutlich individuenreicheren Kolonien. Bei der Nahrungssuche gilt die Art als polylektisch, sie sammelt also an vielen verschiedenen Pflanzenfamilien. Während der sommerlichen Volksentwicklung bevorzugt sie jedoch Korbblütler, was sich mit Feldbeobachtungen an Disteln und Rainfarn deckt. Welche Kuckuckshummel Bombus semenoviellus parasitiert, ist bislang nicht sicher geklärt.
Vermutlich bildet die Art nur eine Generation pro Jahr, gesicherte Daten dazu fehlen aber noch. Überwinterte Jungköniginnen erscheinen ab Ende März bis Ende April, Arbeiterinnen von Mitte April bis Anfang September, neue Jungköniginnen und Männchen von Ende Juli bis Mitte September.
Bestand in Deutschland
Nach der aktuellen Roten Liste gilt die Baltische Hummel in Deutschland als ungefährdet. Ihr aktueller Bestand wird zugleich als sehr selten eingestuft, der kurzfristige Bestandstrend zeigt eine deutliche Zunahme, während für den langfristigen Trend die Datenlage nicht ausreicht. Als mögliche Ursachen für die Ausbreitung werden in der Fachliteratur steigende Temperaturen, veränderte Landnutzung und eine hohe ökologische Anpassungsfähigkeit diskutiert. Damit unterscheidet sich ihre Bestandsentwicklung von der vieler anderer europäischer Hummelarten, deren Bestände seit Jahrzehnten zurückgehen.
Quellen
- van der Smissen, J. & Rasmont, P. (2000): Bombus semenoviellus Skorikov 1910, eine für Westeuropa neue Hummelart (Hymenoptera: Bombus, Cullumanobombus). Bembix 13
- Martin, H.-J. & Neumayer, J.: wildbienen.de – Hummel-Arten: Bombus semenoviellus (Semenov-Hummel/Baltische Hummel), www.wildbienen.de/b-semeno.htm
- Scheuchl, E. (2016): Taschenlexikon der Wildbienen Mitteleuropas: alle Arten im Porträt
- Westrich, P. (2019): Die Wildbienen Deutschlands
- Wikipedia (englisch): Bombus semenoviellus, en.wikipedia.org/wiki/Bombus_semenoviellus
- Rote-Liste-Zentrum: Bombus semenoviellus Skorikov, 1910, www.rote-liste-zentrum.de
- GBIF: Bombus semenoviellus Skorikov, 1910, www.gbif.org/species/1340281
- Bilder: Bombus semenoviellus – Pollenhoeschen.de
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Stefan aktualisiert.
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