Die geheime Symbiose der Ameisenbläulinge
In der Evolution der Insekten haben sich Verhaltensweisen entwickelt, die an Raffinesse kaum zu übertreffen sind. Ein besonders faszinierendes Beispiel für eine solche Spezialisierung bieten bestimmte heimische Schmetterlinge aus der Familie der Bläulinge. Diese kleinen, oft intensiv blau gefärbten Falter betreiben eine Form des Brutparasitismus, die als Myrmekophilie bezeichnet wird. Anstatt ihre Nachkommen mühsam selbst heranzuziehen, schleusen sie ihre Raupen durch gezielte Täuschung in die Nester von Ameisen ein. Dort verbringen die Larven den Winter im sicheren Mikroklima des Baus und werden von den Ameisen wie deren eigene Brut gepflegt.
Der Trick mit dem chemischen Code
Der Schlüssel zu diesem Erfolg liegt in einer perfekten chemischen Tarnung. Ameisen erkennen ihre Nestgenossen und ihre eigene Brut primär über den Geruch, genauer gesagt über ein spezifisches Muster aus Kohlenwasserstoffen auf der Körperoberfläche. Die Raupen der Ameisenbläulinge haben im Laufe der Stammesgeschichte gelernt, genau dieses Duftprofil ihrer jeweiligen Wirtsameisen exakt zu kopieren. Sobald die Raupe eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht hat, lässt sie sich von ihrer Futterpflanze auf den Boden fallen und wartet darauf, von einer Ameise gefunden zu werden.
Wenn eine Ameise der Gattung Myrmica auf die Raupe stößt, beginnt ein erstaunlicher Prozess. Die Ameise betastet die Raupe mit ihren Fühlern und nimmt den vertrauten Duft wahr. Für die Ameise riecht das Schmetterlingskind wie eine eigene, verloren gegangene Larve. Zusätzlich sondern die Raupen über spezielle Drüsen eine zuckerhaltige Flüssigkeit ab, die den Ameisen als Belohnung dient. Die Täuschung ist so vollkommen, dass die Ameise die im Verhältnis riesige Raupe packt und sie direkt in die Brutkammern des Ameisennestes trägt.
Vom Gast zum gefährlichen Mitbewohner
Im Inneren des Ameisenbaus angekommen, offenbart sich die wahre Natur dieser Beziehung, die je nach Bläulingsart variiert. Die Larven des Lungenenzian-Ameisenbläulings verhalten sich wie Kuckuckskinder. Sie lassen sich von den Ameisenarbeitern direkt füttern, wobei sie sogar bevorzugt vor den echten Ameisenlarven Nahrung erhalten. Andere Arten wie der Wiesenkopf-Ameisenbläuling gehen noch rücksichtsloser vor. Sie ernähren sich räuberisch und fressen im Schutz der Dunkelheit systematisch die Eier und Larven ihrer Gastgeber auf.
Die Ameisen bemerken den Betrug während des gesamten Winters nicht, da die chemische Tarnung der Raupe fehlerfrei funktioniert. Selbst wenn das Nest angegriffen wird, verteidigen die Ameisen die Schmetterlingsraupe oft vehementer als den eigenen Nachwuchs. Erst im folgenden Sommer verpuppt sich die Raupe im Nest. Wenn der fertige Schmetterling schlüpft, besitzt er diesen schützenden Duft nicht mehr und muss den Ameisenbau so schnell wie möglich verlassen, bevor die Täuschung auffliegt und die Ameisen ihn attackieren.
Quellen und weiterführende Informationen
- Dossier des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zur Ökologie der Ameisenbläulinge: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
- Forschungsergebnisse der Naturwaldakademie zur Symbiose zwischen Bläulingen und Ameisen: Naturwaldakademie
- Artenporträts und Schutzprogramme für gefährdete Schmetterlingsarten: BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland
- inaturalist.org
- inaturalist.org
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Stefan aktualisiert.
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