Bienenameise
Bienenameisen gehören zur Familie der Ameisenwespen (Mutillidae) innerhalb der Hautflügler. Weltweit sind rund 6000 Arten dieser Familie beschrieben, etwa 155 davon kommen in Europa vor, neun in Deutschland. Der Name Bienenameise sollte streng genommen nur für die Gattung Mutilla und deren nahe Verwandte gelten, in Mitteleuropa also vor allem für die beiden kaum zu unterscheidenden Arten Mutilla europaea und Mutilla marginata. Auch die ähnliche Art Mutilla brutia lässt sich von diesen beiden nur schwer trennen.
Zwischen den Geschlechtern besteht ein deutlicher Unterschied. Die Weibchen sind flügellos und bewegen sich ausschließlich am Boden, die Männchen dagegen sind geflügelt und lassen sich im Sommer gerne an Doldenblütlern beobachten. Bereits Meyers Konversations-Lexikon beschrieb die Art 1905 als schwarz gefärbt, mit hellen, seidig behaarten Querbinden auf dem Hinterleib und einem rötlichen Thorax, während die etwas größeren und deutlich schlankeren Männchen bläulich schimmern. Die Körperlänge liegt bei rund 10 bis 15 Millimetern.
Der Körperbau der Weibchen ist ungewöhnlich fest gefügt. Die vier Segmente ihres Mesosoma sind ohne erkennbare Nähte zu einer starren Box verwachsen. Seitlich am Hinterleib tragen sie längliche Gruben mit feinen Borsten, sogenannte Filzlinien. Sie bilden den Ausgang von Duftdrüsen, deren genaue Funktion bis heute nicht geklärt ist.
Panzer, Stich und Warnlaute
Der Name Bienenameise weist auf die Ähnlichkeit mit Ameisen hin, mit diesen sind die Tiere aber nicht näher verwandt. Ihr wichtigstes Merkmal ist der außergewöhnlich harte Chitinpanzer, den selbst die Mandibeln von Hummeln in der Regel nicht durchdringen können. Weltweit tragen verwandte Arten Namen, die auf diese Härte anspielen. Ein portugiesischer Trivialname für Ameisenwespen lässt sich mit Eisenameise übersetzen und bezieht sich direkt auf das extrem harte Außenskelett.
Wer eine Bienenameise in die Hand nimmt, riskiert einen sehr schmerzhaften Stich. In Nordamerika trägt die verwandte Art Dasymutilla occidentalis wegen ihres Stichs den Namen Cow-killer, was allerdings maßlos übertrieben ist, denn kein Rind stirbt an dem Gift. Bei Gefahr erzeugen die Tiere zusätzlich Laute, indem sie zwei bewegliche Körperflächen schnell gegeneinander reiben, eine sogenannte Stridulation. Vor allem die Weibchen setzen diesen Warnlaut ein, wenn sie bedrängt oder festgehalten werden. Nur die Weibchen besitzen einen Stachel, die Männchen können nicht stechen. Bei Bedrohung krümmen sie den Hinterleib dennoch nach vorn und tragen dabei dieselben weißen Flecken und denselben Geruch wie die Weibchen, sodass Fressfeinde beide Geschlechter nicht unterscheiden können.
Parasitierung im Hummelnest
Das Weibchen von Mutilla europaea sucht am Boden gezielt nach Hummelnestern und bevorzugt dabei Nester der Ackerhummel. Hat es ein Nest gefunden, gräbt es einen eigenen Gang durch die Erde bis zu den Brutzellen. Dort legt es Eier in Zellen ab, in denen bereits Hummellarven heranwachsen. Die schlüpfende Larve der Bienenameise frisst nicht nur die Hummellarve selbst, sondern auch die in der Zelle eingelagerten Nektar- und Pollenvorräte.
Bei starkem Befall kann ein Hummelnest so weit geschädigt werden, dass am Ende kaum noch Hummeln, sondern fast ausschließlich Bienenameisen schlüpfen. Fehlt der bevorzugte Wirt, weichen die Larven notfalls aus. Nachgewiesen wurde, dass sich Mutilla europaea in Ermangelung von Hummeln auch vollständig in den Waben von Honigbienen entwickeln kann.
Erforschung und Bedeutung für die Imkerei
Die ersten genauen Beobachtungen zur Lebensweise der Bienenameisen in Hummelnestern veröffentlichte der Kronberger Pfarrer und Insektenkundler Johann Ludwig Christ bereits 1791 in seiner Naturgeschichte, Klassifikation und Nomenclatur der Insekten vom Bienen-, Wespen- und Ameisengeschlecht. Als wissenschaftlich bedeutendste Arbeit zur Biologie der Art gilt bis heute die 1886 erschienene Untersuchung des österreichischen Entomologen Eduard Hoffer.
Zwischen 1870 und 1935 machten Imker Bienenameisen wiederholt für erhebliche Schäden an Honigbienenvölkern verantwortlich, vor allem in gebirgigen Regionen Böhmens, Kärntens, Niederösterreichs und der Sudeten. Aus dieser Zeit stammen auch zahlreiche Berichte, in denen den Tieren beinahe menschliche Absichten unterstellt wurden, etwa wenn von einem Erwürgen der Bienen die Rede war. Seit den 1930er Jahren sind keine vergleichbaren Fälle mehr dokumentiert. Ob die moderne Bienenhaltung das Eindringen der flügellosen Weibchen in die Völker erschwert oder ob es schlicht keine Massenvermehrungen der Bienenameise mehr gibt, ist bis heute offen.
Nachahmer und Namen weltweit
Mehrere Tierarten ahmen das Aussehen von Ameisenwespen nach und profitieren so von deren Wehrhaftigkeit. Eine asiatische Springspinne der Gattung Orsima bildet mit dem hinteren, durch eine Taille abgesetzten Teil ihres Hinterleibs einen Kopf nach und ahmt so das Aussehen und die suchenden Bewegungen einer Ameisenwespe nach. Auch die Larve des in Florida vorkommenden Ameisenlöwen Brachynemurus nebulosus orientiert sich in Färbung und Verhalten an den dort häufigen Ameisenwespen der Gattung Dasymutilla.
- Formiga-Ferro (Eisenameise): portugiesischer Name für das extrem harte Außenskelett
- Cow-killer und Mule-killer: texanische Namen für Dasymutilla occidentalis, die den Stich stark übertreiben
- Velvet ant (Samtameise): englischer Name, der auf die dichte, samtige Behaarung anspielt
Die Namen unterscheiden sich von Kontinent zu Kontinent, doch fast überall nehmen sie Bezug auf denselben Panzer und denselben Stich.
Quellen
- Christ, Johann Ludwig (1791): Naturgeschichte, Klassifikation und Nomenclatur der Insekten vom Bienen-, Wespen- und Ameisengeschlecht.
- Hoffer, Eduard (1886): Zur Biologie der Mutilla europaea L. In: Zoologische Jahrbücher, Band 1, S. 677–686.
- Brothers, D. et al. (2000): Associations of mutillid wasps (Hymenoptera, Mutillidae) with eusocial insects. In: Insectes Sociaux, Band 47, S. 201–211.
- Tschuch, Gunther (2000): Abwehrsignale bei Insekten am Beispiel der Mutillidae (Hymenoptera). Habilitationsschrift, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
- Bienenameisen, Ameisenwespen, Mutilla europaea. In: biologie-seite.de. Online unter www.biologie-seite.de/Biologie/Bienenameisen, www.biologie-seite.de/Biologie/Ameisenwespen und www.biologie-seite.de/Biologie/Mutilla_europaea
- Bienenameise. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2, Leipzig 1905. Online unter www.zeno.org/Meyers-1905/A/Bienenameise
- inaturalist.org


