Bombus polaris
Bombus polaris besiedelt ringförmig den hohen Norden der Erde. Die Art kommt im arktischen Alaska und Kanada vor, auf Inseln wie Ellesmere Island und Baffin Island, in Grönland, in Nordskandinavien sowie im arktischen Russland von der Nenzen-Region bis nach Tschukotka. Damit reicht ihr Verbreitungsgebiet deutlich weiter nach Norden als das der meisten anderen Hummelarten, und sie ist eine der am weitesten nördlich vorkommenden Hummelarten der Welt.
Wärmehaushalt in der Kälte
Als Insekt ist Bombus polaris wechselwarm und kann ihre Körpertemperatur nicht dauerhaft konstant halten wie ein Säugetier. Trotzdem fliegt sie bei Lufttemperaturen, die für die meisten anderen arktischen Insekten noch zu kalt sind. Durch schnelles Zittern ihrer Flugmuskulatur erzeugt sie genug Wärme, um ihre Flugtemperatur von etwa 30 Grad Celsius zu erreichen, selbst wenn die Umgebungsluft deutlich kälter ist. Ihr dichtes Haarkleid, dichter als das der meisten anderen Hummelarten, hält diese Wärme im Körper zurück.
An sonnigen Tagen nutzt sie zusätzlich die Sonne. Dazu setzt sie sich in die trichterförmigen Blüten des Arktischen Mohns (Papaver radicatum), deren Blütenblätter das Sonnenlicht wie kleine Spiegel in die Blütenmitte lenken. So erwärmt sich ihr Körper schneller, als es allein durch Muskelzittern möglich wäre. Selbst wenn sie mit angelegten Flügeln ruhend auf einer Blüte sitzt, erzeugt sie durch das Zittern ihrer Flugmuskeln weiterhin Wärme.
Erwachen und erste Brut
Nach mindestens neun Monaten Winterruhe in einem verlassenen Mäusebau oder einem ähnlichen unterirdischen Versteck verlässt die bereits begattete Königin im Mai ihr Winterquartier. Sie ist die einzige Überlebende ihrer Kolonie aus dem Vorjahr und muss von nun an allein für den Aufbau eines neuen Nestes sorgen. Zunächst besucht sie früh blühende Pflanzen wie Läusekraut und die Kätzchen der Weiden, um Kräfte zu sammeln, bevor sie einen geeigneten Nistplatz sucht.
Die kurze arktische Vegetationsperiode lässt der Königin wenig Zeit. Der Entomologe Bernd Heinrich, der die Art über Jahre erforscht hat, beschreibt, dass Bombus polaris den gesamten sozialen Zyklus innerhalb von einem, höchstens zwei Monaten abschließen muss, während sich manche anderen arktischen Insekten über mehrere Jahre entwickeln können. Um diesen Zeitdruck auszugleichen, inkubiert die Königin ihre Eier bereits im Hinterleib, statt die Wärme wie andere Hummelarten im Brustkorb zu speichern. Das beschleunigt die Entwicklung der Eier und lässt die erste Brut aus Arbeiterinnen schneller heranwachsen.
Zweite Brut und Koloniezyklus
Aus der ersten Brut gehen ausschließlich Arbeiterinnen hervor, kleine unfruchtbare Weibchen, die das Nest vergrößern, Nahrung sammeln und die Königin bei der Aufzucht unterstützen. Erst im Spätsommer legt die Königin eine zweite Brut an. Aus ihr gehen Drohnen und bis zu hundert fruchtbare Weibchen hervor, von denen manche im folgenden Jahr als Königin eine neue Kolonie gründen können. Die einzige Aufgabe der Drohnen besteht darin, diese Weibchen zu begatten.
Mit dem Wintereinbruch endet die Kolonie. Die alte Königin, ihre Arbeiterinnen, die Drohnen und die meisten der jungen Weibchen sterben. Im Durchschnitt überlebt pro Kolonie nur eine einzige der neuen Königinnen den Winter und setzt im folgenden Frühjahr den Zyklus fort.
Bombus hyperboreus als Nestparasit
Nördlich des Polarkreises lebt neben Bombus polaris nur eine weitere Hummelart dauerhaft, ihr Sozialparasit Bombus hyperboreus. Dessen Königinnen dringen nach Art einer Kuckuckshummel in fremde Nester von Bombus polaris ein, übernehmen die Kolonie und legen dort ihre eigenen Eier ab. Die Arbeiterinnen von Bombus polaris ziehen anschließend die fremde Brut groß, während ihre eigene Königin dabei nicht überlebt.
Bestäubung und Nahrungspflanzen
Weil Bombus polaris schon bei niedrigen Temperaturen fliegen kann, gehört sie zu den ersten Bestäubern des arktischen Frühlings, noch bevor die meisten Blüten geöffnet sind. Später im Jahr besucht sie unter anderem:
- Arktische Weide
- Arktische Rose
- Rote Johannisbeere
- Arktischer Mohn
Als Nahrung dienen ihr außerdem die Blüten mehrerer Beerensträucher, darunter Alpen-Bärentraube, Schwarze Krähenbeere, Moorbeere und Preiselbeere.
Fressfeinde
Trotz ihrer Größe und ihres dichten Pelzes hat Bombus polaris natürliche Feinde. Grasläufer, Eiderente und Eisente erbeuten sie und verfüttern sie auch an ihren Nachwuchs.
Herkunft der Population in Grönland
Wie die grönländische Population von Bombus polaris entstanden ist, war lange unklar. Eine molekulargenetische Untersuchung eines Weibchens aus Nordgrönland (82° 48′ N) verglich das mitochondriale Gen Cytochrom-Oxidase I mit Proben aus anderen Teilen des Verbreitungsgebiets. Das Ergebnis zeigt eine engere Verwandtschaft zur kanadischen Population als zu Tieren aus Skandinavien oder Russland. Die geografische Nähe zu Ellesmere Island und die vorherrschende Windrichtung gelten als wahrscheinliche Erklärung dafür, wie die Art den Sprung nach Grönland geschafft hat. In den untersuchten grönländischen Proben fanden die Forscher fünf verschiedene Haplotypen, ein Hinweis auf eine moderat hohe genetische Vielfalt in dieser abgelegenen Population.
Quellen
- Sutton, A.: The Brief Busy Life of the Arctic Bumblebee. In: Alaska Fish and Wildlife News, Juni 2012, Alaska Department of Fish and Game. https://www.adfg.alaska.gov/index.cfm?adfg=wildlifenews.view_article&articles_id=558
- World Ocean Review: The queen of the tundra. https://worldoceanreview.com/en/wor-6/polar-flora-and-fauna/living-in-the-cold/the-queen-of-the-tundra/
- Statman-Weil, Z.; Wojcik, V. (Pollinator Partnership): The Arctic Bumblebee (Bombus polaris). USDA
- Forest Service, Celebrating Wildflowers, Pollinator of the Month. https://www.fs.usda.gov/wildflowers/pollinators/pollinator-of-the-month/bombus_polaris.shtml
- Namin, S. M.; Park, T.-Y.; Jung, C.; Meyer-Rochow, V. B. (2021): Molecular characteristics of Bombus (Alpinobombus) polaris from North Greenland with comments on its general biology and phylogeography. Polar Biology 44, S. 2209–2216. https://link.springer.com/article/10.1007/s00300-021-02952-y
- Foto: beaucheminalex, Beobachtung vom 23.06.2024, Herschel Island – Qikiqtaruk Territorial Park, Old Crow, YT, CA. inaturalist.org/observations/224832154, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert
- Foto: beaucheminalex, Beobachtung vom 03.08.2024, Herschel Island – Qikiqtaruk Territorial Park, Yukon, Unorganized, YT, CA. inaturalist.org/observations/233662410, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert
- Foto: a_anctil, Beobachtung vom 12.07.2025, Quaqtaq, QC J0M, Canada. inaturalist.org/observations/313899157, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert


