Wilde Honigbienen in Europa: Modell zeigt Rückgang um 56 Prozent alle 10 Jahre

Die Westliche Honigbiene gilt als Nutztier. Dass es in Europa auch Völker gibt, die ohne Imker in Baumhöhlen, Mauerhohlräumen oder Schornsteinen leben, wird erst seit etwa 10 Jahren systematisch untersucht. Patrick Kohl (Universität Hohenheim) und Benjamin Rutschmann (Agroscope, Zürich) haben ausgewertet, wie es diesen wilden Völkern geht. Ihr Ergebnis: Ohne den ständigen Zuflug von Schwärmen aus der Imkerei würde der Bestand wilder Honigbienen in Europa im Median um 56 Prozent je Jahrzehnt schrumpfen.

Was wilde Honigbienen sind

Honigbienen an einem Nistplatz in einer Bruchweide, laut Beobachtungseintrag ein wildlebendes VolkDie Autoren bestimmen wilde Völker über ihre Lebensweise: Sie werden nicht betreut und leben in natürlichen Wabenbauten an Plätzen, die sie selbst besiedelt haben. Eine allgemeine biologische Trennlinie zu betreuten Völkern gibt es nach ihrer Darstellung nicht. Die Paarung der Königinnen findet im freien Flug statt und wird von Imkern meist nicht gelenkt, und Schwärme wechseln in beide Richtungen. Nach Körperbau und Erbgut lässt sich meist nicht unterscheiden, ob ein Volk wild oder betreut ist. Das Foto zeigt ein Volk in einer Bruchweide bei Bydgoszcz in Polen, das der Beobachter als wildlebend eingetragen hat.

Lange galten wilde Honigbienen als ausgestorben, weil Lebensraumverlust und die seit etwa 50 Jahren eingeschleppte Varroamilbe sie beseitigt haben sollten. Belege für ein solches Aussterben gibt es nach den Autoren nicht. Die Europäische Rote Liste der Bienen führte die Art 2014 deshalb als Data Deficient, mit unzureichender Datenlage. Seither suchen Forscher gezielt nach freilebenden Völkern und finden sie. Eine Schätzung (Visick und Ratnieks 2023) kommt auf durchschnittlich 0,26 Völker je Quadratkilometer, zusammen etwa 5,5 Millionen Völker. Das wären 17,8 Prozent aller Honigbienenvölker in Europa. Daneben stehen rund 25,4 Millionen betreute Völker.

Warum Zählen allein nicht reicht

Ein besetzter Baum sagt noch nichts über den Bestand. Betreute Völker ziehen als Schwarm aus der Imkerei aus und suchen sich selbst eine Höhle. Damit verdecken sie, wie sich die schon vorhandenen wilden Völker entwickeln. Die Autoren nennen ein Beispiel aus deutschen Wirtschaftswäldern: Etwa 10 Prozent der Bäume mit Schwarzspechthöhlen sind dort jeden Sommer von Honigbienen besetzt, was nach einem stabilen Bestand aussieht. Die Verfolgung einzelner Völker in einer früheren Arbeit (Kohl u. a. 2022) zeigte aber, dass nur wenige bis zum nächsten Frühjahr überleben. Die vielen Völker im Sommer ließen sich nur durch massenhaften Zuzug von Schwärmen aus Imkereien erklären.

Die IUCN rechnet Teilbestände, die ohne regelmäßigen Nachschub aus gehaltenen Beständen binnen zehn Jahren erlöschen würden, nicht zu den wilden. Die Autoren fragen deshalb, wie sich der Bestand entwickeln würde, wenn keine Schwärme aus der Imkerei mehr zuwanderten. Dafür brauchen sie zwei Größen: die jährliche Überlebensrate der Völker und die Zahl der Schwärme, die ein wildes Volk im Jahr abgibt. Die Überlebensrate stammt aus Beobachtungen bekannter Nistplätze. Die Schwarmzahl ließ sich im Freiland nicht messen. Die Autoren setzten zwei Schwärme je Volk und Jahr an, gestützt auf Studien an unbetreuten Völkern in Beuten mit begrenztem Volumen. Aus diesen Werten simulierten sie den Bestand über zehn Jahre, je 10 000 Durchläufe. Die Schwankung zwischen den Jahren leiteten sie aus der wechselnden Wiederbesetzung von Nistplätzen ab.

info hummelDie geschätzte jährliche Überlebensrate der wilden Völker liegt in den neun Untersuchungen zwischen 9,6 und 37 Prozent. Am unteren Ende steht die Schweiz nördlich der Alpen, am oberen Südostengland. Die drei deutschen Studien liegen mit 10,6 bis 13,3 Prozent nahe am unteren Ende.

Datengrundlage und Ergebnis

Grundlage sind neun Beobachtungsstudien mit zusammen rund 700 überwachten Nistplätzen in sieben Ländern. Sie liefen zwischen 2013 und 2025, jeweils über zwei bis sieben Jahre. Die Simulation ergibt je Land folgende Entwicklung über ein Jahrzehnt ohne Zuzug von Schwärmen:

  • Deutschland (drei Studien in München, drei süddeutschen Waldregionen und Dortmund mit zusammen 214 Nistplätzen) und Schweiz nördlich der Alpen (106 Nistplätze): Rückgang um 100 Prozent, der wilde Bestand würde innerhalb von zehn Jahren erlöschen
  • Spanien (Galicien, 37 Nistplätze): Rückgang um 78 Prozent
  • Polen (Nordosten, 67 Nistplätze): Rückgang um 56 Prozent
  • Luxemburg (73 Nistplätze): Rückgang um 41 Prozent
  • Frankreich (Saintonge, 140 Nistplätze): Rückgang um 37 Prozent
  • Südostengland (63 Nistplätze): Zunahme um 346 Prozent

Nach den IUCN-Stufen fallen Polen und Spanien in die Kategorie stark gefährdet (Endangered), Luxemburg und Frankreich in gefährdet (Vulnerable) und Südostengland in nicht gefährdet (Least Concern). Für ganz Europa ergibt sich als Median ein Rückgang um 56 Prozent je Jahrzehnt, mit einem 90-Prozent-Intervall von 21 bis 80 Prozent. Ab 50 Prozent gilt eine Art nach den Kriterien als stark gefährdet. Dass der wilde Bestand europaweit innerhalb eines Jahrzehnts ganz erlischt, halten die Autoren für sehr unwahrscheinlich. Damit gilt er nach den IUCN-Regeln als wilder Teilbestand und lässt sich bewerten. In Südostengland wächst der Bestand aus eigener Kraft und könnte anderen Regionen als Quelle dienen.

Die Einstufung der IUCN

Die Daten der Studie liegen der neuen Bewertung der wilden Honigbiene für die Rote Liste der IUCN zugrunde. Ein Team von 14 Bienenforschern und Experten unter Leitung von Honey Bee Watch, dem auch Kohl und Rutschmann angehörten, stufte die Art nach einer Pressemitteilung vom 11. Oktober 2025 für die 27 EU-Staaten von Data Deficient auf Endangered hoch. Diese Stufe bedeutet nach der IUCN ein sehr hohes Risiko, in freier Wildbahn auszusterben. Als Kriterium nennt die Mitteilung den geschätzten Rückgang über zehn Jahre, hergeleitet aus den Daten von Kohl und Rutschmann. Dazu kommen Belege zu Gefahren wie Parasiten, Krankheitserregern, Pestiziden und Hybridisierung. Für Gesamteuropa bleibt die Art als Data Deficient geführt, weil Daten zu Verbreitung, Überlebensraten und Trends fehlen. Besonders wenig ist aus dem Balkan, dem Baltikum, Skandinavien und dem europäischen Teil Russlands bekannt.

Grenzen der Schätzung

Die 56 Prozent sind ein Modellwert für den Fall, dass keine Schwärme aus der Imkerei mehr dazukämen. Gezählt wurde kein Rückgang. Nach den Autoren wächst die Zahl der betreuten Völker derzeit, und aus ihnen ziehen weiterhin Schwärme aus.

Die Autoren nennen weitere Grenzen. Die Schätzung beruht auf neun Studien aus sieben Ländern, für jedes Land liegen nur eine oder wenige vor. Die Schwarmrate und die Schwankung zwischen den Jahren sind feste Annahmen. Die Studie aus Galicien lief in einer von intensiver Landwirtschaft geprägten Landschaft. Weil Völker dort im Winter schlechter überleben als in naturnahen Lebensräumen (Rutschmann u. a. 2022), könnte der Rückgang für diese Population überschätzt sein. Einige Studien stammen von Laien, die Völker in der Nähe ihres Wohnorts beobachteten. Die Autoren halten das Bild dennoch für wahrscheinlich unverzerrt, weil die Studien begannen, ohne zu wissen, wie günstig ihre Gebiete für wilde Bienen sind. Künftig könnten Forscher sich stärker auf die seltenen gedeihenden Bestände konzentrieren, weshalb spätere Bewertungen prüfen müssten, ob die Studien ein zutreffendes Gesamtbild liefern. Die Autoren fordern, die Überwachung auf viel mehr Regionen auszudehnen, unabhängig von der Qualität des Lebensraums.

Einordnung: Honigbiene, Wildbienen und Hummeln

In Schutzprogrammen für Wildbienen gilt die Honigbiene bisher meist als Problem und selten als Schutzziel. Die Autoren vermuten, dass wilde Honigbienenvölker denselben Belastungen ausgesetzt sind wie andere Wildbienen. Von weiten Wanderungen der Bienenstände, hoher Beutendichte und dem Handel mit Königinnen könnten sie sogar besonders betroffen sein. Ein wilder Teilbestand in einem Schutzgebiet wäre nach ihrer Einschätzung ein Argument, dort die Imkerei einzuschränken. Damit berührt die Studie einen offenen Konflikt zwischen Imkerei und dem Schutz anderer Wildbienen, den sie nicht löst.

Das Erbgut spielt ebenfalls eine Rolle. Ohne Behandlung gegen die Varroamilbe können sich in wilden Völkern Tiere durchsetzen, die der Milbe oder den von ihr übertragenen Viren widerstehen. Beim Handel mit Völkern und Königinnen über Ländergrenzen gelangen dagegen gebietsfremde Erbanlagen in die betreuten Bestände. Ob sich wilde und betreute Völker dadurch genetisch tatsächlich auseinanderentwickeln, zeigt die Studie nicht. Die Autoren beschreiben es als Möglichkeit.

Zum Vergleich verweisen die Autoren auf die Erdhummel (Bombus terrestris). Niemand bestreite, dass ihre wilden Bestände schützenswert sind, obwohl sich Unterarten aus Gewächshausvölkern weit eingekreuzt haben (Kraus u. a. 2011). Bei wilden Honigbienen mit Erbgut gebietsfremder Unterarten müsse derselbe Maßstab gelten, sonst würden Honigbienen anders bewertet als andere Arten.

Quellen

  • Kohl P. L. & Rutschmann B. (2026): The wild honeybee population of Europe is in decline: evidence from monitoring studies. Conservation Science and Practice 8(8), doi 10.1111/csp2.70345 (frei zugänglich, CC BY 4.0, Volltext ausgewertet)
  • Honey Bee Watch (11.10.2025): Wild Honey Bees Receive New IUCN Red List Status. Pressemitteilung, coloss.org/wp-content/uploads/Honey-Bee-Watch_press-release_IUCN-Red-List-for-Apis-mellifera_IMMEDIATE-1.pdf
  • Universität Hohenheim und Agroscope (17.09.2026): Wild honeybee populations in the EU are on the Red List for the first time. Pressemeldung, phys.org/news/2026-09-wild-honeybee-populations-eu-red.html (nur für das Datum herangezogen)
  • Visick O. D. & Ratnieks F. L. W. (2023): Density of wild honey bee, Apis mellifera, colonies worldwide. Ecology and Evolution 13(10): e10609, doi 10.1002/ece3.10609 (zitiert nach dem Literaturverzeichnis von Kohl und Rutschmann)
  • Kohl P. L., Rutschmann B. & Steffan-Dewenter I. (2022): Population demography of feral honeybee colonies in central European forests. Royal Society Open Science 9: 220565, doi 10.1098/rsos.220565 (zitiert nach dem Literaturverzeichnis von Kohl und Rutschmann)
  • Kraus F. B., Szentgyörgyi H., Rożej E., Rhode M., Moroń D., Woyciechowski M. & Moritz R. F. A. (2011): Greenhouse bumblebees (Bombus terrestris) spread their genes into the wild. Conservation Genetics 12(1): 187 bis 192, doi 10.1007/s10592-010-0131-7 (zitiert nach dem Literaturverzeichnis von Kohl und Rutschmann)
  • Foto: Andrzej Oleksa (andrzej_oleksa), Beobachtung vom 07.06.2021, Bydgoszcz, Polen. inaturalist.org/observations/82129386, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert. Das Bild zeigt Apis mellifera an einem Nistplatz in einer Bruchweide (Salix fragilis), der Beobachtungseintrag bezeichnet das Volk als wildlebend

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