Bombus caliginosus
An der kalifornischen Küste liegt im Sommer fast täglich Nebel über den Hängen. In diesem Streifen lebt eine Hummel, die im Englischen gleich zwei Namen trägt: Fog-belt Bumble Bee nach dem Nebelgürtel und Obscure Bumble Bee, was sowohl unscheinbar als auch schwer zu fassen bedeutet. Beides trifft zu. Bombus caliginosus gilt als gefährdet, und niemand kann genau sagen, wie selten sie wirklich ist.
Zwei Arten, ein Erscheinungsbild
Das Problem heißt Bombus vosnesenskii. Diese Art ist an der Westküste ausgesprochen häufig und sieht Bombus caliginosus so ähnlich, dass eine zweifelsfreie Trennung nur über den Bau der männlichen Genitalien gelingt. Es gibt Anhaltspunkte für das Feld: Bombus caliginosus hat längere Haare, an der Unterseite des Hinterleibs stehen gelbe Haare, wo Bombus vosnesenskii nur schwarze trägt, und die Wangenlänge unterscheidet sich. Wer aber ein Foto begutachtet oder ein Tier im Flug sieht, kommt an eine Grenze.
Für die Bestandserfassung ist das ein ernstes Hindernis. Jede Fehlbestimmung geht zugunsten der häufigen Art aus, denn wer eine gelbgesichtige Hummel an der kalifornischen Küste sieht, tippt statistisch richtig auf vosnesenskii. Die seltene Art verschwindet auf diese Weise in den Daten der häufigen.
Verbreitung entlang der Küste
Das Areal reicht von Washington über Oregon bis nach Südkalifornien, südlich bis in die San Jacinto Mountains. Der Schwerpunkt liegt im küstennahen Bereich mit seinem kühlen, feuchten Sommerklima. Als Trachtpflanzen sind unter anderem Säckelblumen, Lupinen, Klee, Platterbsen, Disteln, Weiden, Rhododendren und Brombeeren dokumentiert.
Gefährdet oder übersehen
Die Weltnaturschutzunion stuft Bombus caliginosus als gefährdet ein, in Kalifornien gilt sie als Art von besonderem Interesse für den Naturschutz. Auswertungen sprechen von deutlichen Rückgängen bei Arealgröße, Fortbestand an früheren Fundorten und relativer Häufigkeit.
Eine landesweite Erhebung von 2019 setzte dahinter ein Fragezeichen. Das Team um Kaleigh Fisher veröffentlichte 2022 in Ecology and Evolution die Ergebnisse einer Bestandsaufnahme über ganz Kalifornien. Bombus caliginosus war die einzige gefährdete Art, die überhaupt gefunden wurde, 36 Tiere an fünf Standorten. Historisch war sie aus vier Ökoregionen belegt, gefunden wurde sie nur noch in zweien. An einzelnen Küstenstandorten stellte sie allerdings bis zu 16,5 Prozent aller gefangenen Hummeln.
Warum ein Genomprojekt helfen soll
Das California Conservation Genomics Project hat die Art in sein Programm aufgenommen, ausdrücklich wegen dieser Unsicherheit. Wenn sich Tiere im Labor genetisch sicher zuordnen lassen, wird aus der Frage nach der Häufigkeit eine beantwortbare. Bis dahin bleibt die Einstufung als gefährdet eine Vorsichtsmaßnahme auf unsicherer Datengrundlage, und das ist etwas anderes als ein belegter Bestandseinbruch.
Was über diese Art nicht bekannt ist
Kalifornien gehört zu den bestuntersuchten Regionen der Welt, was Wildbienen angeht. Trotzdem fehlen bei Bombus caliginosus grundlegende Angaben. Wo genau die Art nistet, wie groß ihre Völker werden, wann Königinnen die Winterruhe beenden und welche Kuckuckshummel bei ihr schmarotzt, steht in keiner der zugänglichen Quellen. Der Grund ist derselbe wie bei der Häufigkeit: Wer eine Art nicht sicher von ihrer Zwillingsart trennen kann, kann auch ihre Nester nicht sicher zuordnen. Die Forschung setzt deshalb zuerst bei der Bestimmung an, alles Weitere kommt danach.
Quellen
- Fisher, K. et al. (2022): A contemporary survey of bumble bee diversity across the state of California. Ecology and Evolution. Landesweite Erhebung 2019 mit Angaben zu Bombus caliginosus
- California Conservation Genomics Project, Artensteckbrief Bombus caliginosus (Obscure Bumble Bee), ccgproject.org
- Xerces Society, Species profile Obscure Bumble Bee, xerces.org
- U.S. Fish and Wildlife Service, Artenprofil Obscure Bumble Bee Bombus caliginosus, fws.gov
- IUCN Red List, Einstufung Bombus caliginosus als vulnerable
- iNaturalist, Artenprofil Fog-belt Bumble Bee mit Verbreitungsdaten, inaturalist.org
- Foto: Asa Spade (asabspade), Beobachtung vom 02.07.2022, Mendocino County, CA, USA. inaturalist.org/observations/124490535, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert


