Pestizide, Lebensraumverlust und Klimawandel

WieseNeben einzelnen Parasiten und Krankheitserregern nennt die Forschung immer wieder drei weitere Ursachen, wenn es um den weltweiten Rückgang der Hummeln geht: den Verlust blütenreicher Lebensräume, den Einsatz von Pestiziden und den Klimawandel. Diese drei Faktoren wirken selten isoliert. Eine viel zitierte Übersichtsarbeit hat den Titel so formuliert, dass er das Problem auf den Punkt bringt: Bienenrückgang wird durch kombinierten Stress aus Parasiten, Pestiziden und Blütenmangel verursacht, nicht durch eine einzelne Ursache allein.

Weniger Blüten, weniger Nahrung

In Deutschland ist artenreiches Grünland auf frischen bis feuchten Böden seit den 1950er Jahren um rund 85 Prozent zurückgegangen, wie ein Vergleich alter und neu aufgenommener Vegetationsflächen zeigt. Wo intensiv gedüngtes, häufig gemähtes Grünland an die Stelle blütenreicher Wiesen tritt, fehlt Hummeln über weite Strecken der Saison schlicht die Nahrungsgrundlage. Das betrifft besonders Arten mit langer Rüssellänge oder engem Blütenspektrum, die nicht beliebig auf andere Pflanzen ausweichen können.

Pestizide als Dauerbelastung

Neonicotinoide gelten seit einer viel zitierten Studie als besonders kritisch. Hummelvölker, die im Labor über zwei Wochen dem Wirkstoff Imidacloprid in Konzentrationen ausgesetzt wurden, wie sie auch auf behandelten Feldern vorkommen, wuchsen anschließend im Freiland deutlich langsamer und produzierten 85 Prozent weniger Jungköniginnen als unbehandelte Kontrollvölker. Da Jungköniginnen die einzigen Tiere sind, die den Winter überleben und im Frühjahr neue Völker gründen, wirkt sich ein solcher Effekt unmittelbar auf die Populationsgröße im Folgejahr aus.

info hummelNeonicotinoide wirken systemisch: Sie werden über das Saatgut in die ganze Pflanze aufgenommen und finden sich auch in Nektar und Pollen von Blüten, die selbst nicht direkt gespritzt wurden. Eine Hummel muss ein behandeltes Feld also nicht einmal überfliegen, um mit dem Wirkstoff in Kontakt zu kommen.

Klimawandel als schleichende Verschärfung

Eine Auswertung von mehr als 420.000 Beobachtungen zu 67 Hummelarten in Nordamerika und Europa über 110 Jahre zeigte ein unerwartetes Muster: Anders als viele andere Tiergruppen sind Hummeln in wärmeren Jahrzehnten nicht in kühlere, nördlichere Gebiete ausgewichen. Stattdessen verschwanden sie zunehmend aus den südlichen, heißesten Teilen ihres Verbreitungsgebiets, auf beiden Kontinenten um bis zu 300 Kilometer. Die Autoren der Studie beschrieben die Situation als eine Art Klimaschraubstock: Hummeln bleiben in ihrem angestammten Gebiet, während dieses Gebiet selbst sich in Richtung ihrer Hitzegrenze verschiebt.

Warum die Trennung der Ursachen schwerfällt

In der Praxis lassen sich diese drei Faktoren kaum trennen. Ein durch Pestizide geschwächtes Volk hat weniger Reserven, um eine Hitzewelle zu überstehen. Eine durch Lebensraumverlust ausgedünnte Blütenversorgung macht ein Volk anfälliger für die Folgen einer Pestizidbelastung. Wer nur einen dieser Faktoren isoliert betrachtet, unterschätzt daher in der Regel das tatsächliche Ausmaß des Problems.

Quellen

  • D. Goulson, E. Nicholls, C. Botías, E. L. Rotheray (2015): Bee declines driven by combined stress from parasites, pesticides, and lack of flowers. Science, 347(6229), 1255957
  • P. R. Whitehorn, S. O’Connor, F. L. Wackers, D. Goulson (2012): Neonicotinoid pesticide reduces bumble bee colony growth and queen production. Science, 336(6079), S. 351–352
  • J. T. Kerr et al. (2015): Climate change impacts on bumblebees converge across continents. Science, 349(6244), S. 177–180
  • NABU: Das Verschwinden der Wiesenblumen und Ackerkräuter, unter Bezug auf die Studie “Veränderungen und Verarmung in der Offenlandvegetation Norddeutschlands seit den 1950er Jahren”. nabu.de

Bewerte diesen Beitrag

(1 Bewertungen gesamt. Ø 5,00 / 5)
  • Dieses Thema hat 0 Antworten sowie 1 Teilnehmer und wurde zuletzt vor 1 Tag von StefanStefan aktualisiert.
  • Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.