Mooshummel: Museumsproben zeigen den Verlust genetischer Vielfalt

Am 17. September 2026 ist in der Zeitschrift Molecular Biology and Evolution eine Studie erschienen, die das Erbgut von 101 Museumstieren der Mooshummel (Bombus muscorum) auswertet. Die Tiere wurden zwischen 1894 und 2019 in Großbritannien und Irland gesammelt. Die genetische Vielfalt der britischen Bestände ist demnach um rund ein Viertel gesunken. In England und Wales nahmen Erbgutabschnitte, die auf beiden Chromosomensätzen identisch sind, um das 2,86-Fache zu. Erstautorin ist Victoria Mullin vom Trinity College Dublin und vom Natural History Museum in London, beteiligt sind 16 Forscher.

Die Art und ihr Rückgang

Mooshummel (Bombus muscorum) auf Klee, ShetlandDie Mooshummel ist über Eurasien weit, aber lückenhaft verbreitet. Auf den Britischen Inseln kam sie früher fast überall vor. Nach den Angaben der Autoren beschränkt sie sich heute zunehmend auf das schottische Festland und die schottischen Inseln, dazu kommen einzelne Restvorkommen an den Küsten Englands und von Wales. Sie nistet in offenem, blütenreichem Grünland, etwa auf Wiesen und Heiden, und bevorzugt feuchtere Lebensräume wie Marschen und Küstengrünland. Ihre Völker sind klein, und die Tiere legen nach der zitierten Literatur nur kurze Strecken zurück.

Die Weltnaturschutzunion IUCN führt die Art in einer Bewertung von 2023 als gefährdet (Vulnerable). In England und Wales gehört sie zu den Arten von besonderer Bedeutung nach dem Natural Environment and Rural Communities Act von 2006. Öffentliche Stellen müssen ihre Belange daher bei Entscheidungen berücksichtigen, zum Beispiel in Planungsverfahren. Untersuchungen an lebenden Tieren hatten mit Mikrosatelliten, also kurzen, stark variablen Erbgutabschnitten, bereits geringe genetische Vielfalt und Anzeichen von Inzucht gefunden. Offen war, wie schnell die Vielfalt verloren ging und ob sie früher höher lag.

Museumstiere als Vergleichsmaßstab

Für einen Vergleich über ein Jahrhundert braucht man Erbgut aus der Zeit vor dem Rückgang. Das Team entnahm deshalb von 130 aufgespießten Hummeln je ein Bein. Die Tiere stammen aus fünf britischen Sammlungen: dem Natural History Museum in London, dem Oxford University Museum of Natural History, dem Tullie House Museum in Carlisle, dem World Museum in Liverpool und den National Museums Scotland in Edinburgh. Wegen des Schutzstatus wurden keine lebenden Tiere gefangen. Die einzige Ausnahme ist ein Tier von South Uist auf den Äußeren Hebriden, das erst nach seinem Tod eingesammelt wurde. Das Erbgut der Museumstiere ist abgebaut, deshalb lief die gesamte Laborarbeit vor der Vervielfältigung in einem Labor für alte DNA. Die Sequenzen wurden mit einem veröffentlichten Referenzgenom der Mooshummel abgeglichen.

Dabei zeigte sich, dass 29 der 130 Tiere keine Mooshummeln waren. 18 gehörten zur Ackerhummel (Bombus pascuorum), 11 zur Veränderlichen Hummel (Bombus humilis). Elf der falsch bestimmten Ackerhummeln hatte ein einziger Sammler zwischen 1890 und 1903 zusammengetragen, sie stammen aus der Sammlung in Oxford. Die Autoren sehen darin ein Problem für alle Auswertungen, die sich auf Sammlungskataloge stützen, weil unüberprüfte Bestimmungen Aussagen über Verbreitung und Trends verfälschen können. Besonders häufig waren einander ähnliche Arten der Untergattung Thoracobombus vertauscht.

info hummelVon 130 Tieren, die in den Sammlungen als Mooshummel geführt wurden, gehörten 29 zu anderen Arten. Der Vergleich des Erbguts deckte das auf. Übrig blieben 101 richtig bestimmte Mooshummeln aus den Jahren 1894 bis 2019.

Nicht jedes dieser 101 Erbgüter reichte für jede Auswertung. Die Sequenzierungstiefe schwankte stark, der Median lag beim 1,43-Fachen, die Spanne reichte vom 0,1-Fachen bis zum 15,7-Fachen. Für die räumliche Gliederung wurden 90 Genome mit mindestens 0,4-facher Abdeckung genutzt. Die Heterozygosität berechneten die Autoren für 32 Tiere mit mindestens dreifacher Abdeckung, die Inzuchtabschnitte für 22 Tiere mit mindestens sechsfacher Abdeckung. Die wichtigsten Zahlen beruhen also auf deutlich weniger Tieren als die 101 insgesamt.

Die genetische Vielfalt sinkt um rund ein Viertel

Die Heterozygosität gibt an, an welchem Anteil der Genompositionen die beiden Erbgutkopien eines Tieres verschieden sind. Sie ist ein Maß für die genetische Vielfalt eines Bestands. Bei den 32 Tieren fiel sie zwischen 1894 und 2019 im Mittel um etwa 2,82 Prozent je Jahrzehnt, insgesamt um rund 35,3 Prozent. Schließt man drei Tiere an den Enden der Zeitreihe als mögliche Ausreißer aus, sind es 32,2 Prozent. Das Sammeljahr erklärt etwa 63 Prozent der Streuung.

Die in der Zusammenfassung genannten 24,6 Prozent beziehen sich auf einen anderen Vergleich: Sie beschreiben den Rückgang zwischen den Tieren vor 1926 und denen nach 1975. Der Verlust betrifft ganz Großbritannien einschließlich Schottlands. Die Autoren betonen, dass die Vielfalt über das ganze Jahrhundert weiter sank und in den Daten keine Erholung zu erkennen ist.

England und Wales im Vergleich zu Schottland

Mooshummel (Bombus muscorum), Benbecula, Äußere HebridenHeterozygosität allein misst keine Inzucht. Dafür werteten die Autoren Abschnitte von mindestens 50 Kilobasen Länge aus, in denen beide Erbgutkopien identisch sind (runs of homozygosity). Sie entstehen, wenn sich nah verwandte Tiere paaren, und werden in kleinen, isolierten Beständen häufiger. Die Gesamtlänge dieser Abschnitte lag bei den acht Tieren vor 1926 im Median bei 3902 Kilobasen. Bei den 13 Tieren nach 1975 streuten die Werte von 1055 bis 20593 Kilobasen, der Median betrug 9875 Kilobasen.

Die große Streuung erklärt sich durch die Herkunft. Trennt man die jüngeren Tiere nach Regionen, liegen die Werte aus Schottland auf dem Niveau der frühen Tiere (P = 0,810). In England und Wales stiegen sie signifikant (P = 0,037), um das 2,86-Fache. Auch zwischen den beiden jüngeren Gruppen besteht ein Unterschied (P = 0,023). In Schottland, zu dem die Highlands und die Äußeren Hebriden gehören, ist die Art nach den Angaben der Autoren weiterhin häufiger als in den zersplitterten Beständen Englands und von Wales.

Zwei schottische Tiere fallen aus dem Muster. Ein Tier von Rattray Head aus dem Jahr 1975 hat die höchsten Werte des gesamten Datensatzes, was auf akute Inzucht hindeutet. Das Tier von South Uist aus dem Jahr 2019 hat kurze Abschnitte, aber im Vergleich zu Tieren vom schottischen Festland eine erhöhte Gesamtlänge. Die Autoren lesen das als Folge langer Isolation auf einer Insel. Sie interpretieren die regionalen Unterschiede als Ausdruck unterschiedlicher Bestandsgeschichten innerhalb eines räumlich gegliederten Bestands und nicht als Trennung in zwei Populationen.

Keine Zunahme schädlicher Mutationen nachweisbar

An denselben 22 Genomen prüfte das Team, ob sich Mutationen angehäuft haben, die Proteine wahrscheinlich beeinträchtigen. Verglichen wurden Varianten, die ein Protein vermutlich ausschalten, Varianten mit ausgetauschter Aminosäure und stille Varianten. Zwischen den drei Gruppen (vor 1925, nach 1975 in Schottland, nach 1975 in England und Wales) gab es bei keiner dieser Klassen einen signifikanten Unterschied (P = 0,881, 0,364 und 0,503).

Räumliche Gliederung

Die Analyse von 90 Genomen trennt Tiere aus Irland und von den Äußeren Hebriden von denen des britischen Festlands. Innerhalb Großbritanniens ändert sich das Erbgut allmählich von Nordschottland nach Südengland, es gibt keine scharf getrennten Gruppen. Das passt zu einem Bestand, in dem der Austausch mit der Entfernung abnimmt. Die Tiere aus Kent weichen ab, die Autoren halten Zufallsdrift durch Isolation für möglich. Über das Jahrhundert blieb die Gliederung weitgehend gleich. Wegen der geringen Ausbreitung der Art und der örtlichen Unterschiede halten die Autoren es für plausibel, dass das heutige Muster durch regionale Gruppen mit unterschiedlich starker Inzucht und unterschiedlicher Anpassungsfähigkeit abgelöst wird.

Was die Studie nicht klären kann

Die Studie belegt den Verlust genetischer Vielfalt, aber nicht seine Ursache. Die Autoren nennen die Ausweitung der Landwirtschaft, den langfristigen Rückgang geeigneter, blütenreicher und strukturreicher Lebensräume, Pestizide und den Klimawandel als mögliche Faktoren, trennen sie aber nicht voneinander. Ebenso wenig lässt die zeitliche Auflösung eine Aussage darüber zu, ob sehr junge Schutzmaßnahmen wirken.

Die Gruppen sind klein. Die acht Tiere vor 1926, an denen die Inzuchtabschnitte gemessen wurden, stammen zu sechs aus England und Wales und zu zwei aus Schottland. Die Autoren fassten sie zusammen, weil ein Test keinen signifikanten Unterschied zeigte (P = 0,64). Bei zwei schottischen Tieren ist das eine schmale Grundlage. Ob der Verlust genetischer Vielfalt nur einzelne Arten betrifft oder Insekten allgemein, lassen die Autoren offen. Die Studie untersucht Großbritannien und Irland. Aussagen über die Mooshummel in Deutschland oder anderen Ländern lassen sich aus ihr nicht ableiten.

Folgerungen der Autoren

Die Autoren halten es für wichtig, die Verbindung zwischen Lebensräumen wiederherzustellen und Bestände in tragfähiger Größe zu erhalten. Die Umsiedlung von Tieren zwischen Beständen könnte die Vielfalt in isolierten Vorkommen theoretisch erhöhen. Sie verlangen dafür eine sorgfältige Prüfung der Eignung des Lebensraums und des Risikos, Krankheiten zu übertragen. Die Methode selbst sei auf andere Insektensammlungen übertragbar.

Quellen

  • Mullin V. E., Merchant H. N., Arce A. N., Nash W., Notton D. G., Whiffin A., Blagoderov V., Broad G. R., Hogan J., Hunter T., Jackson S., Judd S., Ollerton J., Brace S., Gill R. J. & Barnes I. (2026): Museum specimens reveal the genomic consequences of long-term population decline in an insect pollinator. Molecular Biology and Evolution 43 (9): msag223, doi 10.1093/molbev/msag223 (frei zugänglich, Lizenz CC BY 4.0, online erschienen am 17.09.2026)
  • Foto: hotpotofnoodles, Beobachtung vom 22.06.2026, Shetland Islands, UK. inaturalist.org/observations/382195513, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert. Das Bild zeigt die Mooshummel (Bombus muscorum) auf Shetland
  • Foto: kidneymoth, Beobachtung vom 28.05.2021, Isle of Benbecula HS7 5LX, UK. inaturalist.org/observations/80703825, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert. Das Bild zeigt die Mooshummel (Bombus muscorum) auf Benbecula, Äußere Hebriden

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