Bombus angustus

Als der taiwanische Entomologe Chiu im Jahr 1948 eine neue Hummelart beschrieb, standen ihm drei Tiere von drei Fundorten zur Verfügung. Viel besser ist die Lage bis heute nicht geworden. Bombus angustus lebt ausschließlich auf Taiwan, und wer sie sehen will, braucht Glück.

Wie schmal die Grundlage ist, zeigt eine Bestandsaufnahme der taiwanischen Hummeln aus dem Jahr 1992. Der Bearbeiter wertete 4555 Belegtiere aus dem ganzen Land aus. Auf Bombus angustus entfielen davon 21 Stück, verteilt auf acht Fundorte. Das sind weniger als ein halbes Prozent.

Eine Untergattung mit sechs Zähnen

Bombus angustusBombus angustus gehört zu Alpigenobombus, einer Gruppe von elf Gebirgshummeln, die sich von allen anderen Hummeln durch ein Werkzeug unterscheiden: Die Weibchen tragen vergrößerte Mandibeln mit sechs großen, gleichmäßig verteilten Zähnen. Damit beißen sie Löcher in langröhrige Blüten und holen sich den Nektar von außen, ohne die Blüte zu bestäuben.

Der Fachbegriff dafür lautet Nektarraub. Für die Pflanze ist der Besuch wertlos, für die Hummel dagegen lohnend, weil sie an Nektar kommt, den ihr Rüssel sonst nicht erreichen würde. Ob Bombus angustus selbst raubt, ist allerdings nirgends beschrieben. Belegt ist nur, dass sie den Kauapparat dafür besitzt; ihre Mandibel wurde 1992 abgebildet.

info hummelEin einmal gebissenes Loch bleibt offen. Andere Insekten nutzen es anschließend mit, ohne selbst beißen zu können, und heißen deshalb sekundäre Nektarräuber. Bei Hummeln kann das Verhalten außerdem durch Abschauen von Artgenossen weitergegeben werden.

Aussehen und ein Verdacht auf Nachahmung

Die Färbung ist einfach beschrieben: Thoraxoberseite und die ersten drei Hinterleibssegmente schwarz, die Segmente vier bis sechs orangerot. Die mittleren und hinteren Schienen sind ebenfalls überwiegend schwarz. Anders als bei vielen Hummeln kennt man von dieser Art keine nennenswerte Farbvariation, was auch daran liegen dürfte, dass so wenige Tiere vorliegen.

Dieses Muster kommt auf Taiwan noch bei einer zweiten Art vor, der deutlich häufigeren Bombus trifasciatus. Fachleute halten es für wahrscheinlich, dass Bombus angustus deren Erscheinungsbild nachahmt. Der Vorteil einer solchen Nachahmung liegt darin, dass Fressfeinde ein bereits als wehrhaft bekanntes Muster meiden. Bewiesen ist der Zusammenhang für diesen Fall nicht, er beruht auf dem Vergleich der Farbmuster.

Wo die Art vorkommt

Die Fundpunkte der Erhebung von 1992 liegen überwiegend zwischen 1000 und 2000 Metern, also im Bergwald der taiwanischen Gebirgsketten. Ein Tier aus dem Norden der Insel stammt möglicherweise aus rund 100 Metern Höhe, was aus der veröffentlichten Karte allerdings nur abzuschätzen ist. Ein Beleg von 2020 aus Alishan im Kreis Chiayi zeigt, dass die Art dort weiterhin vorkommt.

Warum selbst die Genetik hier schwierig ist

2023 hat ein internationales Team die gesamte Untergattung neu geordnet und dabei die Artabgrenzung mit DNA-Abschnitten überprüft. Für Bombus angustus lief das nicht glatt. Die verfügbaren Sequenzen könnten allesamt sogenannte Numts sein: Kopien mitochondrialer Gene, die irgendwann in den Zellkern gewandert sind und sich seither eigenständig verändert haben. Wer sie für das echte Gen hält, misst Verwandtschaften falsch.

Die Autoren gehen damit offen um. Sie bezeichnen diese Fälle als das Hässliche an ihrer Arbeit und stützen die Artabgrenzung deshalb zusätzlich auf körperliche Merkmale, die sich unabhängig davon prüfen lassen. Das Ergebnis bestätigt Bombus angustus als eigene Art, getrennt von der weiter verbreiteten Bombus breviceps. Sequenziert wurde für diese Arbeit eine einzige Arbeiterin.

Was niemand weiß

Zum Verhalten der Männchen steht in der Revision ein bemerkenswert kurzer Satz: nicht beobachtet. Bei anderen Hummeln kennt man die Patrouillenflüge der Männchen und die Duftmarken, mit denen sie ihre Runden markieren. Bei Bombus angustus hat das noch niemand gesehen.

Ebenso wenig ist über die Nester bekannt. Kein einziges ist beschrieben, folglich gibt es keine Angabe zur Volksstärke, zum Nistplatz oder zur Länge des Koloniezyklus. Auch die Trachtpflanzen sind nicht dokumentiert.

Der Grund ist die Kombination aus Seltenheit und fehlender Dauerbeobachtung. Taiwan hat kein laufendes Hummel-Monitoring mit festen Zählstrecken, wie es Großbritannien seit den 2000er Jahren betreibt. Die Kenntnis über diese Art stützt sich deshalb im Wesentlichen auf zwei Arbeiten, die 44 Jahre auseinanderliegen, sowie auf einzelne neuere Funde. Eine Aussage darüber, ob der Bestand zunimmt, abnimmt oder stabil bleibt, lässt sich daraus nicht ableiten.

Quellen

  • Williams, P. H., An, J., Dorji, P., Huang, J., Jaffar, S., Japoshvili, G., Narah, J., Ren, Z., Streinzer, M., Thanoosing, C., Tian, L. und Orr, M. C.: Bumblebees with big teeth: revising the subgenus Alpigenobombus with the good, the bad and the ugly of numts (Hymenoptera: Apidae). European Journal of Taxonomy 892, 2023 (Merkmale der Untergattung, Färbung, Endemismus, Numt-Problematik, Artabgrenzung gegen Bombus breviceps, Hinweis auf nicht beobachtetes Männchenverhalten, sequenzierter Beleg aus Alishan 2020)
  • Chiu, S. C.: Erstbeschreibung von Bombus angustus, 1948 (drei Tiere von drei Fundorten, Holotypus im Taiwan Agricultural Research Institute)
  • Starr, C. K.: The bumble bees (Hymenoptera: Apidae) of Taiwan. Bulletin of the National Museum of Natural Science 3, 1992 (Auswertung von 4555 Belegtieren, 21 Nachweise von Bombus angustus an acht Fundorten, Höhenverteilung, Abbildung der Mandibel)
  • Inouye, D. W.: The terminology of floral larceny. Ecology 61, 1980 (Begriffsbildung zum Nektarraub, zitiert in der Revision von 2023)
  • Foto: 達 (dadadadawilly), Beobachtung vom 23.04.2024, 605台灣嘉義縣阿里山鄉. inaturalist.org/observations/216270246, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert

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