Hummeln kaufen?
Zuchthummeln wurden ursprünglich für den Einsatz im Obst- und Gemüsebau entwickelt. Inzwischen bestellen aber auch immer mehr Privatpersonen ein Hummelvolk für den eigenen Garten. Innerhalb weniger Tage trifft dann ein komplettes Volk samt Nistkarton und Futterlösung ein. Der Kauf ist wahrscheinlich gut gemeint, kann heimische Hummelarten jedoch verdrängen und ihre natürlichen Bestände schwächen. Wer Hummeln eigentlich unterstützen will, erreicht damit genau das Gegenteil.
Warum gibt es Zuchthummeln?
Tomaten im Gewächshaus tragen kaum Früchte ohne Hilfe. Wind fehlt, die Blüten bleiben geschlossen, der Pollen sitzt fest in engen Röhren. Bis Ende der achtziger Jahre gingen Arbeiter durch die Reihen und rüttelten jede Pflanze von Hand. Das war teuer, langsam und ungenau. Dann kam die Hummel ins Spiel: Sie beherrscht die Vibrationsbestäubung, verbeißt sich an den Staubblättern und lässt ihre Brustmuskulatur so lange vibrieren, bis der Pollen schlagartig auf die Narbe fällt. Honigbienen können das nicht. Ihre Sammelmethode ist zu sanft, und Tomaten bieten ohnehin keinen Nektar. Deshalb bestäuben Honigbienen Tomaten kaum, selbst wenn sie im Gewächshaus gut fliegen würden. Dass Honigbienen sich an Glas und Folie zusätzlich schlechter orientieren, kommt noch dazu, entscheidend bleibt aber die fehlende Vibration.
Der Effekt ist messbar: Erträge steigen, Früchte werden gleichförmiger, weniger deformierte Ware entsteht. Schon ein anfangs kleines Volk bestäubt rund tausend Quadratmeter Tomaten über acht bis zwölf Wochen. Gleichzeitig sinkt meist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, weil die Bestäuber selbst geschützt werden müssen. Für Produzenten rechnet sich das. Aus einer ursprünglichen Notlösung wurde so ein weltweites Geschäftsmodell.
Welche Hummelarten werden kommerziell gezüchtet?
Gezüchtet wird fast ausschließlich die Dunkle Erdhummel, Bombus terrestris. Sie ist robust, volksstark und leicht zu vermehren. Daneben spielt in Nordamerika Bombus impatiens eine große Rolle. Beide Arten lassen sich im Labor ganzjährig führen. Ursprünglich stammten die ersten Zuchttiere aus Wildfängen in der Türkei und Griechenland, heute sind es Hochleistungslinien, selektiert auf schnellen Volksaufbau, lange Lebensdauer und hohes Flugpensum.
Die Produktion konzentriert sich auf wenige Firmen. Marktführer sind Biobest aus Belgien und Koppert aus den Niederlanden, dazu kommen Bioline, Bionova und einige kleinere Anbieter. Weltweit existieren etwa dreißig Betriebe, die zusammen mehr als zwei Millionen Völker pro Jahr verschicken. Produktionsstätten liegen in Belgien, den Niederlanden und Spanien, aus Kostengründen zunehmend aber auch in der Slowakei, in der Türkei und in Marokko, wo große Hallen ganzjährig auf etwa 27 bis 28 Grad gehalten werden.
Probleme bei der industriellen Hummelzucht
Die ökologischen Probleme sind seit Jahren dokumentiert. Zuchtvölker tragen oft Darmparasiten wie Crithidia oder Nosema. Entweichen sie aus Gewächshäusern, können sie diese über Blüten an Wildhummeln weitergeben. In Südamerika verdrängte die eingeschleppte Dunkle Erdhummel die heimische Riesenart Bombus dahlbomii fast vollständig, in Nordamerika wird der Rückgang von Bombus affinis und Bombus franklini mit Importen in Verbindung gebracht. Auch die genetische Vermischung mit lokalen Unterarten bereitet Sorgen.
Die Zuchthummelproduktion
Die Basis bildet die Königin. Begattete Jungköniginnen werden nach der Paarung bei etwa 4 Grad über Monate kalt gelagert. Diese künstliche Überwinterung bricht den Jahreszyklus und erlaubt die Planung nach Bestelllage, wobei die Kühllagerung zwei bis neun Monate dauern kann und nicht alle Tiere sie überleben.
Danach folgt der eigentliche Produktionsschritt: Die Königinnen werden in ein Glas gesetzt und für etwa 30 Minuten mit Kohlendioxid begast. Diese Narkose zwingt sie zur Eiablage. Versuche zeigen, dass so behandelte Königinnen rund vier bis fünf Tage früher legen und deutlich häufiger überhaupt ein Volk gründen, etwa 80 Prozent der narkotisierten Tiere beginnen mit der Brut, gegenüber rund 45 Prozent ohne Behandlung. In manchen Betrieben wird die Prozedur an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wiederholt. Die Substanz greift tief in den Hormonhaushalt ein: Der Dopaminspiegel sinkt, das Juvenilhormon steigt, und die Königinnen erwachen verändert.
Die Anzucht selbst findet in kleinen Kunststoffboxen statt, bei Temperaturen um 27 Grad, einer Luftfeuchte um 60 Prozent und völliger Dunkelheit. Gefüttert wird mit Zuckerlösung und mit Pollen, der meist von Honigbienen gesammelt wurde. In die Startboxen setzt man zusätzlich frisch geschlüpfte Honigbienenarbeiterinnen als Ammen, die durch ihre Anwesenheit und ihren Geruch die Hummelkönigin zum Legen anregen sollen und wöchentlich ausgetauscht werden. Hat das Volk 50 bis 100 Arbeiterinnen erreicht, wird es in eine Versandbox umgesetzt und verschickt. Nistmaterial und Boxen kehren nie in die Produktion zurück.
Kritik an den Haltungsbedingungen
Tausende Boxen stehen dicht an dicht in Regalen unter Kunstlicht, praktisch eine Massentierhaltung im Kleinformat. Pilze, Viren und Bakterien finden dabei ideale Bedingungen. Untersuchungen aus Großbritannien zeigten, dass 37 von 48 untersuchten Zuchtvölkern bei Ankunft Parasiten trugen, trotz angeblicher Kontrollen.
Ähnlich wie in der Schweinemast sollen Antibiotika und Mittel gegen Protozoen eingesetzt werden, damit die Völker die Wochen im Gewächshaus überstehen. Belege dafür sind schwer zu bekommen, da kein Hersteller seine Rezepturen offenlegt. Naturschutzverbände stützen sich dabei auf Aussagen von Mitarbeitern und auf die hohe Besatzdichte als Indiz, offiziell sprechen die Firmen von strengen Hygienekonzepten ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz.
Die Hallen müssen ganzjährig geheizt und gekühlt werden, der Pollen muss gesammelt, gereinigt und tiefgekühlt gelagert werden, und die Völker reisen per Lastwagen und Flugzeug tausende Kilometer, bevor sie ihre Arbeit im Gewächshaus aufnehmen.
Am Ende des Einsatzes steht die Tötung. Weil das Freilassen in vielen Ländern verboten oder streng eingeschränkt ist und die Völker Parasiten tragen können, werden sie eingefroren oder verbrannt. Acht bis zwölf Wochen lang leisten die Völker ihre Arbeit, danach werden sie entsorgt.
Ein Geschäft, das kaum Regeln kennt
Für die Zucht von Hummeln existiert keine spezifische Tierschutzverordnung. Sie fallen nicht unter die Nutztierhaltungsverordnung, es gibt keine Vorgaben zu Boxengröße, Besatzdichte, Betäubungsverfahren oder maximaler Kühldauer. Kontrollen beschränken sich auf Pflanzenschutz und Seuchenhygiene. Die Verlagerung nach Slowakei und Türkei verschärft dieses Gefälle noch, weil dort Löhne und Energiekosten niedriger sind und Transparenz noch schwerer einzufordern ist.
Die Branche argumentiert, sie ersetze Chemie und Handarbeit und sichere Ernten. Das stimmt. Gleichzeitig bleibt ein System im Schatten bestehen, das Lebewesen im industriellen Takt produziert, mit Kohlendioxid zur Eiablage zwingt, in Dunkelheit stapelt und nach Gebrauch vernichtet. Wer Zuchthummeln nutzt, sollte diesen Widerspruch kennen. Alternativen werden diskutiert, etwa offene Bestäubung durch Wildhummeln über Blühstreifen, die Züchtung von Tomatensorten, die weniger auf die Vibrationsbestäubung angewiesen sind, oder mechanische Bestäubung mit Vibrationsstäben. Im großen Gewächshaus sind sie bisher jedoch nicht wirtschaftlich.
Quellen
- Velthuis, Hayo H W und van Doorn, Adriaan: A century of advances in bumblebee domestication and the economic and environmental aspects of its commercialization for pollination. Apidologie 37, 2006, Seite 421-451. https://hal.science/hal-00892201/document
- Karsli, Bahar Argun und Gurel, Fehmi: Effects of CO2 Narcosis on the Onset of Oviposition and Colony Founding Success of Post-Diapausing Bombus terrestris Queens. Kafkas Universitesi Veteriner Fakultesi Dergisi 19, 2013, Seite 221-224
- Amsalem, Etya et al.: Impacts and mechanisms of CO2 narcosis in bumble bees: narcosis depends on dose, caste and mating status and is not induced by anoxia. Journal of Experimental Biology, 2023
- Jordans, Sonja: Wie Hummeln für den Anbau von Tomaten leiden. PETBOOK, 22. Mai 2026. https://www.petbook.de/tierschutz/hummeln-leiden-fuer-anbau-von-tomaten
- Bumblebee Conservation Trust: Commercial bumblebees Position Statement, Stand 2025. https://www.bumblebeeconservation.org
- Graystock, Peter et al.: Parasites in commercial bumblebee colonies. Journal of Applied Ecology 50, 2013, Seite 1207-1214
- Koppert: Natupol Bumblebee Hives Produktinformation mit Angabe Produktionsstandorte Slowakei, Türkei, USA, Mexiko. https://www.koppert.com
- King, M J und Buchmann, S L: Buzz pollination – why bumblebees and not honeybees are suitable for tomato pollination. Bee World, 2003
Bewerte diesen Beitrag
- Dieses Thema hat 48 Antworten sowie 14 Teilnehmer und wurde zuletzt vor 7 Jahren, 1 Monat von
Stefan aktualisiert.
- Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.

(56 Bewertungen gesamt. Ø 4,59 / 5)

