Das Hornissennest
Die Hornisse (Vespa crabro) ist die größte in Mitteleuropa heimische Faltenwespe. Königinnen erreichen eine Körperlänge von bis zu 35 Millimetern, Arbeiterinnen messen zwischen 18 und 25 Millimetern, Drohnen liegen mit 21 bis 28 Millimetern dazwischen. Kopf, Brustabschnitt und Hinterleib zeigen neben Schwarz und Gelb einen ausgedehnten rotbraunen Anteil, der den kleineren heimischen Wespenarten fehlt und eine sichere Unterscheidung ermöglicht. Auch die Kopfform ist ein verlässliches Bestimmungsmerkmal: Von oben betrachtet ist der Bereich hinter den Facettenaugen deutlich verbreitert, wodurch die drei Punktaugen weiter vom Hinterrand des Kopfes entfernt liegen als bei anderen Faltenwespen.
Die Art kommt in nahezu ganz Europa und in weiten Teilen Asiens vor, im 19. Jahrhundert wurde sie zudem nach Nordamerika eingeschleppt, wo sie sich in den USA und in Kanada etabliert hat. In Deutschland galt die Hornisse jahrzehntelang als selten und stand auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Erst seit Ende der 1970er Jahre hat sich der Bestand wieder ausgeweitet, unter anderem, weil hochgiftige Insektizide wie DDT seltener eingesetzt werden.
Nestgründung durch die Königin
Eine begattete Jungkönigin überwintert einzeln, versteckt unter loser Baumrinde oder in morschem Holz. Mitte April oder Anfang Mai verlässt sie ihr Winterquartier und sucht einen dunklen, trockenen Hohlraum: eine Baumhöhle, einen Rollladenkasten, einen Vogelnistkasten oder einen offenen Dachboden. Ursprüngliche Nistplätze in alten Laubbäumen sind in weiten Teilen Mitteleuropas selten geworden, weshalb Hornissen zunehmend auf solche sekundären Nistmöglichkeiten im Siedlungsbereich ausweichen. Aus zernagten Holzfasern, die mit Speichel zu einer papierartigen Masse verarbeitet werden, fertigt die Königin die erste Wabe und legt die ersten Eier hinein. Die daraus schlüpfenden Larven versorgt sie zunächst allein mit erbeuteten Insekten. Erst wenn die ersten Arbeiterinnen geschlüpft sind, geben sie den weiteren Nestbau, die Nestverteidigung und die Nahrungsbeschaffung an diese ab, während die Königin sich von da an ausschließlich der Eiablage widmet.
Aufbau und Größe des Nests
Das fertige Nest besteht aus mehreren übereinanderliegenden Waben, umhüllt von einer mehrschichtigen Papierhülle mit brauner Marmorierung, die durch die unterschiedliche Holzherkunft im Baumaterial entsteht. Je nach Platzangebot im Hohlraum kann ein Nest bis zu 60 Zentimeter Länge und 50 Zentimeter Durchmesser erreichen. Reicht der vorhandene Raum nicht aus, gründen Hornissen mitunter in der Nähe eine zweite Kolonie, eine sogenannte Filiale. Nach dem Ende der Saison wird das Nest nicht erneut besiedelt. Im Folgejahr verwerten spezialisierte Käfer und andere Insekten das Material.
Nachtaktivität und Orientierung am Licht
Tagsüber sehen Hornissen gut und jagen aktiv, in der Dämmerung und bei Dunkelheit lässt ihre Sehleistung dagegen deutlich nach. Trotzdem verlassen sie ihr Nest auch nach Einbruch der Nacht, etwa um ein zuvor begonnenes Beutestück abzuschließen oder auf zusätzliche Nahrungssuche zu gehen. Fehlt der Mond als Fixpunkt oder taucht stattdessen eine künstliche Lichtquelle auf, richten sich die Tiere nach dieser aus und geraten so gelegentlich durch ein offenes Fenster in Wohnräume. Der NABU rät deshalb, Außenbeleuchtung an Haus und Terrasse während der Sommermonate auf ein Minimum zu beschränken und Zimmerlicht erst nach dem Schließen der Fenster einzuschalten. Hat sich bereits eine Hornisse verirrt, genügt es meist, das Licht zu löschen und das Fenster weit zu öffnen, damit sie von selbst wieder hinausfindet.
Volksstärke und Nahrung im Sommer
Im Hochsommer kann ein gut entwickeltes Hornissenvolk 400 bis 700, in günstigen Jahren bis zu 1000 Tiere umfassen. Die Larven werden ausschließlich mit tierischem Eiweiß versorgt, ein starkes Volk kann dafür an einem einzigen Tag bis zu einem halben Kilogramm Insekten erbeuten. Erwachsene Hornissen selbst ernähren sich dagegen überwiegend von Kohlenhydraten: Baumsäften, Nektar, Fallobst und Honigtau. Diese Säfte beschaffen sie sich häufig, indem sie mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen junge Äste beringen, also die Rinde ankratzen, sodass Saft austritt.
Jagdverhalten und ökologische Bedeutung
Als Beute dienen Hornissen nahezu alle Insekten, die sie überwältigen können: Fliegen, Bienen, andere Wespenarten, Heuschrecken, Käfer, Raupen und Libellen, gelegentlich auch Spinnen. Andere Wespen stehen dabei besonders häufig auf dem Speiseplan. Weil ein Hornissenvolk auf diese Weise die Bestände der lästigeren, süßspeisenaffinen Wespenarten wie der Deutschen und der Gemeinen Wespe spürbar dezimiert, wird ein Vorkommen im eigenen Garten von Gärtnern und Landwirten häufig als Vorteil wahrgenommen. Anders als diese beiden Wespenarten interessieren sich Hornissen kaum für Kuchen, Fallobst am Grillbuffet oder süße Getränke, was Begegnungen bei sommerlichen Mahlzeiten im Freien deutlich seltener macht.
Giftwirkung und der Volksglaube vom tödlichen Stich
Kaum ein Insekt in Mitteleuropa hat einen derart schlechten Ruf wie die Hornisse, dabei hält sich die Vorstellung, drei Stiche würden einen erwachsenen Menschen töten und sieben ein Pferd, seit Generationen hartnäckig. Untersuchungen zur Giftzusammensetzung widerlegen diesen Volksglauben eindeutig: Das Gift der Hornisse ist nicht stärker als das von Wespen oder Bienen, teilweise sogar schwächer. Lebensgefährlich wird eine Vergiftung für einen gesunden Erwachsenen erst bei mehreren Hundert Stichen gleichzeitig, eine Zahl, die in der Praxis so gut wie nie erreicht wird, da bereits ein einziges Nest selten mehr als wenige hundert Tiere umfasst und Hornissen nur bei unmittelbarer Bedrohung ihres Nests angreifen. Schmerzhafter als ein Wespen oder Bienenstich wird ein Hornissenstich vor allem wegen des längeren, dickeren Stachels und eines im Gift enthaltenen hohen Anteils an Acetylcholin empfunden, einem Neurotransmitter, der bei den anderen beiden Insekten in dieser Konzentration nicht vorkommt.
Eine echte Gefahr besteht für Allergiker, bei denen bereits ein einzelner Stich eine schwere allergische Reaktion bis hin zum anaphylaktischen Schock auslösen kann. Betroffen sind schätzungsweise zwei bis vier Prozent der Bevölkerung. Ebenfalls kritisch sind Stiche im Mund oder Rachenraum, da die entstehende Schwellung die Atemwege verlegen kann. Weil Hornissen aber, anders als Wespen, kaum an Speisen und Getränken interessiert sind, kommt ein versehentliches Verschlucken deutlich seltener vor als bei anderen Wespenarten.
Gesetzlicher Schutz
Seit 1987 zählt die Hornisse zu den nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützten Tierarten. Nach § 44 Bundesnaturschutzgesetz ist es verboten, Hornissen nachzustellen, zu fangen, zu verletzen oder zu töten, ebenso dürfen ihre Nist, Brut, Wohn oder Zufluchtsstätten nicht beschädigt oder zerstört werden. Wer ein Hornissennest entfernen oder umsiedeln lassen möchte, benötigt daher eine Ausnahmegenehmigung der zuständigen unteren Naturschutzbehörde. Eine solche Genehmigung wird nur bei einer konkreten Gefährdung erteilt, etwa wenn sich das Nest in unmittelbarer Nähe eines Kinderspielplatzes befindet oder ein Allergiker im betroffenen Haushalt lebt. In den meisten übrigen Fällen empfehlen Naturschutzbehörden, das Nest bis zum natürlichen Ende der Kolonie im Herbst einfach zu belassen. Verstöße gegen die Schutzvorschriften gelten als Ordnungswidrigkeit und können mit Bußgeldern geahndet werden.
Ende der Kolonie im Herbst
Ende September oder Anfang Oktober paaren sich an milden Tagen die im Spätsommer geschlüpften Jungköniginnen und Drohnen. Die Drohnen sterben bald nach der Paarung. Auch die Arbeiterinnen und die alte Königin überleben die kalte Jahreszeit nicht, spätestens der erste Nachtfrost beendet das Volk. Nur die zuvor begatteten Jungköniginnen überstehen den Winter, jede für sich allein in einem geschützten Versteck, um im folgenden Frühjahr an anderer Stelle ein neues Nest zu gründen. Das alte Nest wird nie ein zweites Mal besiedelt.
Quellen
- Institut für Schädlingskunde: “Hornisse – Vespa crabro”, https://schaedlingskunde.de/schaedlinge/steckbriefe/wespen/hornisse-vespa-crabro/hornisse-vespa-crabro/
- Planet Schule: “Biologie: Im Nest der Königin – wie leben Hornissen?”, https://www.planet-schule.de/schwerpunkt/frage-trifft-antwort/wie-leben-hornissen-film-100.html
- Umsiedlungen.ch: “Hornissen (Vespa crabro)”, https://www.umsiedlungen.ch/wespenarten/hornissen-vespa-crabro/
- Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz Saarland: “Umgang mit Hornissen”, https://www.saarland.de/mukmav/DE/portale/naturschutz/informationen/artenschutz/umgang-mit-hornissen
- NABU Bundesverband: “Keine Panik: NABU-Tipps zum Umgang mit Wespen und Hornissen”, https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/hautfluegler/wespen-und-hornissen/02624.html
- NABU Niedersachsen: “Richtiger Umgang mit einem Wespen- oder Hornissennest”, https://niedersachsen.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten/hautfluegler/wespen/14039.html
- BUND: “Unser Tipp im Mai: Die Hornisse”, https://www.bund.net/bund-tipps/detail-tipps/tip/unser-tipp-im-mai-die-hornisse/
- Weltderwunder.de: “Wie gefährlich ist ein Hornissenstich?”, https://www.weltderwunder.de/wie-gefahrlich-ist-ein-hornissenstich/
- Ingo Heinemann: “Ist ein Hornissenstich gefährlich? Die Wahrheit über die vermeintlichen Killer”, https://www.ingo-heinemann.de/ist-ein-hornissenstich-gefaehrlich-die-wahrheit-ueber-die-vermeintlichen-killer/
- Gartenjournal.net: “Sind Hornissen nachtaktiv? Wissenswertes zu Ruhe und Schlaf”, https://www.gartenjournal.net/hornissen-nachtaktiv
- inaturalist.org
- inaturalist.org
- inaturalist.org





