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Wo Hummeln nisten, entscheidet über ihre Hitzeanfälligkeit
Dass Erwärmung Hummeln zusetzt, gilt als ausgemacht. Die Tiere stammen aus kühlen Regionen, tragen ein dichtes Haarkleid und geraten in der Hitze schnell an Grenzen. Eine Untersuchung im Journal of Animal Ecology kommt bei genauerer Betrachtung zu einem differenzierteren Bild: Für das Sammeln bringt Wärme den Kolonien sogar Vorteile. Das Problem sitzt an einer anderen Stelle, nämlich im Nest, und es trifft nicht alle Arten gleich.
Vier Datensätze für eine Frage
Francis Mullan und sein Team haben das Problem von mehreren Seiten angegangen. Zunächst maßen sie über längere Zeit die Temperaturen in nachgebauten Nestern, unterirdisch und oberirdisch, zunächst ohne Bienen darin. So ließ sich feststellen, welche Bedingungen ein Volk am jeweiligen Standort überhaupt vorfindet.
Im Labor folgten kontrollierte Versuche mit Mikrokolonien der nordamerikanischen Art Bombus impatiens. Dort wurde gemessen, ab welcher Temperatur die Arbeiterinnen mit den Flügeln fächeln, um Luft durch das Nest zu bewegen, und wie viel Zeit sie umgekehrt für das Wärmen der Brut aufwenden. Im Feld erfassten die Forscher an sechs Standorten zwischen Georgia und Michigan, wie sich die Besuchszahlen an Gurkenblüten mit der Umgebungstemperatur ändern. Am Ende führte ein Modell alle vier Datensätze zusammen und rechnete sie auf die Klimaprojektionen für die Mitte und das Ende des Jahrhunderts hoch.
Mehr Flugstunden, weniger Heizarbeit
Das erste Ergebnis widerspricht der Erwartung der Autoren. Unter wärmeren Bedingungen weitet sich das Zeitfenster, in dem die Temperaturen fürs Sammeln günstig liegen. In kühlen Regionen und in den Randzeiten des Tages fällt damit weniger Sammelzeit aus.
Dazu kommt eine Entlastung im Nest. Hummeln halten ihre Brut bei etwa dreißig Grad, und diese Wärme muss jemand erzeugen. Arbeiterinnen legen sich dafür auf die Brutklumpen und geben Wärme aus der Flugmuskulatur ab, was Zucker kostet und Arbeitskraft bindet. Steigt die Außentemperatur, sinkt dieser Aufwand. Rechnerisch werden dadurch Arbeiterinnen frei, die stattdessen sammeln können.
Der Nistplatz macht den Unterschied
Bei den Nesttemperaturen trennen sich die beiden Bauweisen deutlich. Erdreich puffert. Ein Nest in einem verlassenen Mäusebau liegt in einer Umgebung, deren Temperatur langsam und gedämpft der Luft folgt, und selbst an heißen Nachmittagen bleiben die Werte in einem Bereich, den die Kolonie bewältigt. In den Modellrechnungen zeigten unterirdische Nester deshalb keine nennenswerten Nachteile durch die Erwärmung.
Oberirdische Nester haben diesen Puffer nicht. Sie folgen der Außentemperatur unmittelbar und heizen sich in der Sonne zusätzlich auf. Am wärmsten der untersuchten Standorte in Georgia liegen solche Nester derzeit etwa neun Stunden im Jahr über der Schwelle, ab der die Arbeiterinnen fächeln müssen. Unter den Klimaprojektionen der Studie steigt dieser Wert auf annähernd zweihundert Stunden pro Jahr.
Jede dieser Stunden ist doppelt teuer. Die fächelnden Arbeiterinnen sammeln nicht, versorgen die Brut nicht und verbrauchen dabei selbst Energie. Bei anhaltender Hitze kann eine Kolonie in eine Lage geraten, in der ein wachsender Teil der Belegschaft nur noch damit beschäftigt ist, das Nest bewohnbar zu halten. Und selbst dann gibt es eine Obergrenze dessen, was sich durch Luftbewegung erreichen lässt. Wird die überschritten, hilft kein zusätzlicher Aufwand mehr.
Was das für heimische Arten und für Gewächshäuser bedeutet
Die Studie hat mit einer nordamerikanischen Art gearbeitet, das Prinzip hängt aber nicht an der Art, sondern an der Bauweise des Nests. In Mitteleuropa nistet ein Teil der Hummeln unterirdisch, etwa die Erdhummel in verlassenen Nagerbauten. Andere Arten legen ihre Nester an oder über der Bodenoberfläche an. Die Ackerhummel baut bevorzugt in Moospolstern und Grashorsten, die Baumhummel in Baumhöhlen und regelmäßig auch in Vogelnistkästen. Nach der Logik dieser Untersuchung stünden gerade solche Arten bei zunehmender Sommerhitze unter höherem Druck. Belegt ist das für Mitteleuropa bisher nicht, es wäre eine Frage für die hiesige Forschung.
Direkt betroffen ist die kommerzielle Nutzung. Hummelvölker für den Gewächshausanbau stecken in Kartons oder Kunststoffboxen, also in oberirdischen Behausungen ohne jede Dämmung durch Erdreich. Was die Studie über oberirdische Nester sagt, gilt für diese Kisten unmittelbar. Beschattung, Dämmung und die Wahl des Aufstellorts sind damit keine Nebensächlichkeiten, sondern Teil der Betriebssicherheit.
Für den Naturschutz folgt daraus ein Hinweis, der über Blühstreifen hinausgeht. Wer Hummeln fördern will, muss auch an das Nest denken. Strukturreiche, beschattete Flächen, ungestörte Böschungen und alte Nagerbaue sind Lebensraum, dessen Wert mit jedem heißen Sommer steigt.
Quellen
- Mullan, F. R.; Green, N. S.; Youngsteadt, E.; McCluney, K. E.; Penick, C. A. (2026): Nesting biology shapes climate vulnerability of social bees (Bombus spp.). Journal of Animal Ecology. DOI: 10.1111/1365-2656.70267, besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.70267
- North Carolina State University (2026): How Higher Temperatures Can Benefit (or Devastate) Bumble Bee Populations. Pressemitteilung vom Mai 2026, news.ncsu.edu/2026/05/higher-temperatures-bumble-bees
- Weidenmüller, A. (2004): The control of nest climate in bumblebee (Bombus terrestris) colonies: interindividual variability and self reinforcement in fanning response. Behavioral Ecology 15(1), Seiten 120 bis 128
- Heinrich, B. (2004): Bumblebee Economics. Revised Edition, Harvard University Press, Cambridge
- Westrich, P. (2018): Die Wildbienen Deutschlands. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart. Angaben zu Nistweisen von Bombus pascuorum und Bombus hypnorum
- Amiet, F. (1996): Hymenoptera Apidae, 1. Teil: Allgemeiner Teil, Gattungsschlüssel, Gattungen Apis, Bombus und Psithyrus. Insecta Helvetica Fauna 12, Schweizerische Entomologische Gesellschaft