Hummel Sammlerinnen

PollenIm Hummelvolk gibt es keine festen Berufsklassen wie bei der Honigbiene, wo vor allem das Alter einer Arbeiterin bestimmt, ob sie im Stock arbeitet oder auszieht. Bei Hummeln entscheidet stattdessen in erster Linie die Körpergröße. Größere Arbeiterinnen fliegen häufiger aus, kleinere bleiben eher im Nest und kümmern sich um Brut und Vorräte. Der britische Bienenforscher John B. Free beschrieb bereits 1955, dass sich die meisten Arbeiterinnen im Lauf ihres Lebens auf eine der beiden Rollen festlegen, während etwa ein Drittel des Volkes wiederholt zwischen Sammeln und Nestarbeit wechselt. Je länger eine Hummel bei einer Aufgabe bleibt, desto seltener wechselt sie noch einmal.

Ladekapazität: Nektar in der Honigblase, Pollen an den Hinterbeinen

 Für Nektar nutzt eine Sammlerin ihre Honigblase, eine Erweiterung der Speiseröhre vor dem eigentlichen Verdauungsmagen. Je nach Körpergröße fasst sie zwischen 0,06 und 0,20 Millilitern und kann bei voller Füllung bis zu 95 Prozent des gesamten Hinterleibsraums beanspruchen. Pollen wird dagegen nicht geschluckt, sondern äußerlich transportiert: An den Hinterbeinen befinden sich die Pollenhöschen, glatte, von Borsten umrandete Vertiefungen, in denen die Hummel den mit etwas Nektar angefeuchteten Pollen zu festen Klumpen verdichtet.

Wie viel das insgesamt ausmacht, hat John Free schon in den 1950er Jahren gemessen. Im Mittel trugen die von ihm untersuchten Hummeln knapp ein Viertel ihres unbeladenen Körpergewichts nach Hause, in Einzelfällen bis zu 77 Prozent. Bei reiner Nektarladung, ohne zusätzliche Pollenfracht, maß er sogar Werte zwischen 23 und 91 Prozent des Körpergewichts. Eine Hummel kann also annähernd ihr eigenes Gewicht an Nektar transportieren, wenn sie nicht gleichzeitig Pollen sammelt.

info hummelIn Extremfällen wurden bei Hummeln Nektarladungen von bis zu 91 Prozent des eigenen unbeladenen Körpergewichts gemessen. Das entspricht bei einem Menschen von 70 Kilogramm einer Traglast von mehr als 60 Kilogramm, allein an Flüssignahrung.

Nektar oder Pollen: ein Kompromiss beim Fliegen

Welche Fracht eine Hummel trägt, wirkt sich messbar auf ihr Flugverhalten aus. Ein Team um Andrew Mountcastle zeigte 2015 mit Hochgeschwindigkeitsaufnahmen, dass Hummeln mit Pollenladung stabiler, aber weniger wendig fliegen, während Nektar im Hinterleib die Wendigkeit kaum einschränkt, dafür jedoch die Fluglage seitlich labiler macht. Die unterschiedliche Lage der beiden Frachten am Körper, außen an den Beinen bei Pollen, innen im Hinterleib bei Nektar, verändert also nachweisbar, wie leicht sich eine Hummel im Flug um die eigene Achse dreht.

Wie lange eine Tankfüllung reicht

Eine volle Honigblase liefert einer Hummel laut Angaben der britischen Fachseite bumblebee.org Energie für etwa 40 Minuten Flugzeit. Bis diese Blase gefüllt ist, muss die Hummel allerdings deutlich mehr als eine Blüte anfliegen. Häufig sind es um die 60 Blütenbesuche, bei denen tatsächlich Nektar aufgenommen wird, und oft mehr als 100 Anflüge insgesamt, weil nicht jede angeflogene Blüte genug oder überhaupt Nektar bietet. Für einen einzigen Teelöffel Honig, den ein Volk am Ende einlagert, sind nach dieser Quelle mitunter mehr als 80 einzelne Sammelflüge und rund 80.000 Blütenbesuche nötig.

Reichweite: von wenigen hundert Metern bis über zwei Kilometer

Wie weit eine Sammlerin fliegt, hängt stark von Körpergröße, Art und Nahrungsangebot in der Umgebung ab. Eine vielzitierte Studie von Juliet Osborne und Kollegen aus dem Jahr 2008 markierte Dunkle Erdhummeln (Bombus terrestris) und stellte fest, dass die Tiere regelmäßig mindestens 1,5 Kilometer von ihrem Nest entfernt sammelten, in Einzelfällen deutlich weiter. Innerhalb der ersten 500 Meter um das Nest schwankte das Nahrungsangebot stark, weshalb Sammlerinnen aus diesem Nahbereich oft weiter hinausflogen, sobald sich dort keine ausreichend große Trachtfläche fand.

Auch das Alter einer einzelnen Hummel beeinflusst die Reichweite. Milena Gilgenreiner und Christoph Kurze zeigten 2024, dass bei der Dunklen Erdhummel vor allem das Alter der Arbeiterin über Flugdistanz und Flugdauer entscheidet, nicht ihre Körpergröße: 14 Tage alte Sammlerinnen flogen in den Versuchen im Schnitt sechsmal so weit wie 7 Tage alte. Die Körpergröße wirkte sich dort kaum auf die Distanz aus, sondern vor allem auf die Geschwindigkeit, größere Tiere flogen schneller. Dieser Befund betrifft Unterschiede innerhalb einer einzigen Art. Zwischen verschiedenen Hummelarten unterschiedlicher Körpergröße bleibt daneben die allgemeine Tendenz bestehen, dass größere Arten im Schnitt größere Reichweiten erreichen können als kleinere. Im Reiseflug erreichen Hummeln nach verschiedenen Messungen Geschwindigkeiten von etwa 15 bis 25 Kilometern pro Stunde.

Rückkehr zum Nest statt Pause

Eine erkennbare Ruhepause im menschlichen Sinn legen Sammlerinnen während eines Sammelflugs kaum ein. Stattdessen bestimmt die Kapazität von Honigblase und Pollenhöschen den Rhythmus. Ist die Ladung voll oder die Energiereserve nahezu aufgebraucht, fliegt die Hummel zurück zum Nest, würgt den Nektar dort in die Honigtöpfe und streift den Pollen mit den Mittelbeinen von den Hinterbeinen ab. Anschließend startet sie in der Regel zu einem neuen Sammelflug, solange Witterung und Tageslicht es erlauben. Einen Teil des gesammelten Nektars verbraucht die Hummel dabei auch selbst, um die eigene Flugmuskulatur mit Energie zu versorgen. Sammeln für das Volk und Eigenverbrauch lassen sich also nicht vollständig trennen.

Warum die Temperatur über den Start entscheidet

Ob eine Hummel losfliegt, hängt weniger von der Lufttemperatur ab als von der Temperatur ihrer Flugmuskulatur im Brustkorb. Diese muss vor dem Abflug auf mindestens 30 Grad Celsius aufgeheizt sein und wird während des Fluges zwischen 30 und 40 Grad gehalten, unabhängig von der Außentemperatur. Erreicht wird das durch Muskelzittern, bei dem sich der Hinterleib der Hummel sichtbar auf und ab bewegt. Bei einer Lufttemperatur von 10 Grad dauert dieses Aufwärmen laut bumblebee.org rund 15 Minuten.

Sarah Corbet und Kollegen ermittelten 1993 für verschiedene Bienenarten eine untere Schwellentemperatur, ab der Sammelflüge überhaupt einsetzen, gemessen als sogenannte Schwarzkugeltemperatur, die neben der Lufttemperatur auch Sonnenstrahlung berücksichtigt. Hummeln beginnen bei deutlich niedrigeren Werten zu fliegen als Honigbienen. Innerhalb der untersuchten Hummelarten begannen Dunkle und Helle Erdhummel (Bombus terrestris und Bombus lucorum), Ackerhummel (Bombus pascuorum) und Gartenhummel (Bombus hortorum) schon bei niedrigeren Temperaturen zu sammeln als Steinhummel (Bombus lapidarius) und Honigbiene.

Verhalten bei Regen, Hitze und Kälte

Bei Kälte hilft die dichte Behaarung der Hummel, die im Brustkorb erzeugte Wärme zu speichern, ähnlich wie ein Fell. Dadurch sammeln Hummeln bei niedrigeren Temperaturen als die meisten anderen Insekten und sind an kühlen, bewölkten Tagen oft noch unterwegs, wenn Honigbienen im Stock bleiben. Bei anhaltendem, kräftigem Regen sammeln jedoch auch Hummeln kaum noch. Nasses Fell kühlt schneller aus, nasse Flügel verändern die Aerodynamik, und viele Blüten produzieren bei Regen ohnehin weniger oder verdünnten Nektar. Bei leichtem Nieselregen fliegen manche Arten dagegen weiter, ein Verhalten, das man bei den meisten anderen Insekten kaum beobachtet.

Am oberen Ende der Skala wird es ab etwa 35 Grad Celsius kritisch. Die Flugleistung nimmt dann spürbar ab, weil die Hummel die selbst erzeugte Muskelwärme zusätzlich zur Umgebungswärme abführen muss. Malia Naumchik und Elsa Youngsteadt zeigten 2023 an der nordamerikanischen Art Bombus impatiens, dass eine größere Pollenladung die Körpertemperatur einer sammelnden Hummel zusätzlich um bis zu 2 Grad ansteigen lässt. Damit näherten sich schwer beladene Tiere in den Versuchen der für diese Art ermittelten kritischen oberen Temperaturgrenze von 41 bis 48 Grad Celsius spürbar an. Die genauen Schwellenwerte dürften je nach Art variieren, doch grundsätzlich zeigt die Studie, dass Sammlerinnen mit schwerer Pollenfracht an heißen Tagen einem höheren Überhitzungsrisiko ausgesetzt sind als leicht beladene Artgenossinnen.

Unterschiede zwischen den Hummelarten

Neben der Temperaturtoleranz unterscheiden sich die heimischen Hummelarten vor allem in Rüssellänge und Körpergröße, und beides beeinflusst das Sammelverhalten. Kurzrüsslige Arten wie die Dunkle Erdhummel kommen nur an flach zugängliche Blüten heran und beißen bei tiefen, röhrenförmigen Blüten wie bei manchen Schmetterlingsblütlern gelegentlich seitlich durch die Blütenkrone, um trotzdem an den Nektar zu gelangen, ein Verhalten, das als Nektarraub bezeichnet wird. Langrüsslige Arten wie die Gartenhummel erreichen dagegen auch tief sitzenden Nektar auf dem vorgesehenen Weg und sind entsprechend stärker auf bestimmte Blütenformen spezialisiert. Kleinere Hummelarten bleiben nach Beobachtungen häufig in einem engeren Radius von wenigen hundert Metern um das Nest, während größere Arten regelmäßig über einen Kilometer zurücklegen.

Bedeutung der Sammlerinnen für das Volk

Sammlerinnen sind die einzige Verbindung des Nests zur Umwelt, über die Energie und Nährstoffe ins Volk gelangen. Nektar liefert Kohlenhydrate für den Energiehaushalt aller Nestbewohner, Pollen liefert Eiweiß, Fette und Mikronährstoffe für die Aufzucht der Larven. Ohne ausreichenden Nachschub durch Sammlerinnen kann ein Hummelvolk weder wachsen noch Jungköniginnen und Drohnen aufziehen. Bei ihren Flügen bestäuben Sammlerinnen zugleich unzählige Wild- und Kulturpflanzen, ein Nebeneffekt der eigentlichen Nahrungssuche, der Hummeln zu einer der wichtigsten Bestäubergruppen in gemäßigten Breiten macht.

Quellen

  • Free, J. B. (1955): The division of labour within bumblebee colonies. Insectes Sociaux 2, S. 195 bis 212.
  • Osborne, J. L., Martin, A. P., Carreck, N. L., Swain, J. L., Knight, M. E., Goulson, D., Hale, R. J., Sanderson, R. A. (2008): Bumblebee flight distances in relation to the forage landscape. Journal of Animal Ecology 77(2), S. 406 bis 415.
  • Mountcastle, A. M., Ravi, S., Combes, S. A. (2015): Nectar vs. pollen loading affects the tradeoff between flight stability and maneuverability in bumblebees. Proceedings of the National Academy of Sciences 112(33), S. 10527 bis 10532.
  • Naumchik, M., Youngsteadt, E. (2023): Larger pollen loads increase risk of heat stress in foraging bumblebees. Biology Letters 19(5), Artikel 20230096.
  • Gilgenreiner, M., Kurze, C. (2024): Age dominates flight distance and duration, while body size shapes flight speed in Bombus terrestris L. Proceedings of the Royal Society B 291(2027), Artikel 20241001.
  • Corbet, S. A., Fussell, M., Ake, R., Fraser, A., Gunson, C., Savage, A., Smith, K. (1993): Temperature and the pollinating activity of social bees. Ecological Entomology 18(1), S. 17 bis 30.
  • Goulson, D. (2010): Bumblebees: Behaviour, Ecology, and Conservation. 2. Auflage, Oxford University Press.
  • bumblebee.org: The Bumblebee Body, Temperature Regulation and honeystomach. www.bumblebee.org/bodyTempReg.htm (abgerufen 2026).

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