Flügeldeformationsvirus: Unterschiede zwischen DWV A und DWV B

Wer sich mit Krankheiten von Honigbienen beschäftigt, stößt früher oder später auf das Flügeldeformationsvirus, kurz DWV. Der Name stammt von den auffälligen Missbildungen, die bei stark infizierten Honigbienen auftreten können. Hinter der Bezeichnung verbirgt sich allerdings kein einzelnes Virus, sondern ein ganzer Viruskomplex mit mehreren genetischen Varianten. Besonders häufig werden heute DWV A und DWV B untersucht. Beide sind eng miteinander verwandt, unterscheiden sich jedoch in einigen entscheidenden Eigenschaften.

dwvAuch bei Hummeln wurden beide Virusvarianten nachgewiesen. Das macht sie für den Naturschutz und die Forschung besonders interessant. Denn viele Hummelarten teilen sich ihre Nahrungsquellen mit Honigbienen. Dadurch entstehen Berührungspunkte, über die Krankheitserreger zwischen verschiedenen Bestäubern übertragen werden können.

DWV A

DWV A gilt als die ursprünglich bekannte Form des Flügeldeformationsvirus. Über viele Jahre wurde sie als Hauptursache der typischen verkrüppelten Flügel angesehen. Das Virus selbst existierte vermutlich bereits lange vor der weltweiten Ausbreitung der Varroamilbe. Erst durch diesen Parasiten veränderte sich die Situation grundlegend.

Die Varroamilbe überträgt das Virus direkt in die Körperflüssigkeit der Honigbienen. Dadurch gelangen große Virusmengen unmittelbar in den Organismus. Die Folge sind häufig schwere Erkrankungen. Neben den namensgebenden Flügeldeformationen treten verkürzte Hinterleiber, verminderte Flugfähigkeit und eine deutlich verkürzte Lebensdauer auf. Viele Bienen sterben bereits wenige Tage nach dem Schlüpfen.

Nicht jede Infektion führt jedoch zu sichtbaren Schäden. Zahlreiche Tiere tragen DWV A in sich, ohne äußerlich krank zu wirken. Erst wenn sich das Virus stark vermehrt, entstehen die bekannten Symptome.

info hummelDas Erstaunliche an DWV B ist, dass infizierte Bienen häufig völlig gesund aussehen können. Äußerlich unauffällige Tiere können dennoch eine sehr hohe Viruslast tragen und das Virus weiter verbreiten. Sichtbare Flügeldeformationen sind deshalb längst nicht immer ein verlässlicher Hinweis auf eine Infektion.

DWV B

DWV B wurde zunächst unter dem Namen Varroa destructor virus 1 beschrieben. Erst spätere genetische Untersuchungen zeigten, dass es sich um eine eigenständige Variante innerhalb des DWV Komplexes handelt. Heute wird sie als DWV B bezeichnet.

In vielen Regionen der Welt nimmt der Anteil von DWV B seit Jahren zu. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass sich diese Variante besonders gut in der Varroamilbe vermehren kann. Dadurch wird sie sehr effizient von Biene zu Biene übertragen. In einigen Ländern scheint DWV B die ursprünglich dominierende Variante DWV A sogar zunehmend zu verdrängen.

Die Krankheitszeichen unterscheiden sich teilweise von denen des klassischen DWV A. Flügeldeformationen kommen zwar ebenfalls vor, sind jedoch oft seltener oder weniger ausgeprägt. Stattdessen können infizierte Bienen sterben, ohne vorher auffällige Missbildungen zu entwickeln. Das erschwert das Erkennen einer Infektion erheblich.

Welche Bedeutung haben beide Varianten für Hummeln?

Hummeln besitzen keine Varroamilben. Trotzdem gelangen beide Virusvarianten regelmäßig in ihre Populationen. Als wahrscheinlichster Übertragungsweg gelten gemeinsam besuchte Blüten. Infizierte Honigbienen hinterlassen dort virusbelasteten Pollen, Nektar oder Speichelreste. Hummeln können diese Viren beim Blütenbesuch aufnehmen.

Labor und Freilandstudien zeigen, dass sich sowohl DWV A als auch DWV B in Hummeln vermehren können. Das bedeutet, dass die Viren nicht nur passiv mitgeführt werden, sondern tatsächlich eine Infektion auslösen können. Welche Folgen dies langfristig für einzelne Hummelarten hat, wird derzeit intensiv untersucht.

Bemerkenswert ist, dass infizierte Hummeln meist keine verkrüppelten Flügel entwickeln. Die Erkrankung verläuft häufig unauffällig. Gerade deshalb könnten die Auswirkungen in der Natur unterschätzt werden. Mögliche Folgen reichen von einer verkürzten Lebensdauer über eine verminderte Fortpflanzung bis zu einer geringeren Leistungsfähigkeit beim Sammeln von Nahrung. Je nach Hummelart, Viruslast und Umweltbedingungen können die Auswirkungen unterschiedlich stark ausfallen.

DWV A

  • Klassische Variante des Flügeldeformationsvirus
  • Vermehrung in der Varroamilbe: hoch
  • Flügeldeformationen: oft deutlich sichtbar
  • Verbreitung: weltweit
  • Nachweis bei Hummeln: ja

DWV B

  • Ursprünglich als Varroa destructor virus 1 beschrieben
  • Vermehrung in der Varroamilbe: häufig noch effizienter
  • Flügeldeformationen: möglich, aber häufig unauffällig
  • Verbreitung: nimmt in vielen Regionen weiter zu
  • Nachweis bei Hummeln: ja

Offene Fragen

Obwohl das Flügeldeformationsvirus seit vielen Jahren erforscht wird, bleiben zahlreiche Zusammenhänge ungeklärt. Besonders für Hummeln fehlen noch Langzeitstudien, die den Einfluss der verschiedenen Virusvarianten auf den Fortpflanzungserfolg und das Überleben ganzer Populationen untersuchen. Sicher ist jedoch, dass Honigbienen und Wildbestäuber viele Krankheitserreger teilen und ihre Gesundheit deshalb eng miteinander verbunden ist.

DWV A und DWV B sind keine völlig unterschiedlichen Viren, sondern zwei nahe verwandte Varianten desselben Viruskomplexes. Gerade ihre Unterschiede machen sie für die Forschung so spannend. Während DWV A vor allem durch die typischen Flügeldeformationen bekannt wurde, entwickelt sich DWV B in vielen Regionen zunehmend zur dominierenden Variante. Für Hummeln und andere Wildbestäuber ist die tatsächliche Bedeutung dieser Entwicklung noch nicht vollständig verstanden. Genau deshalb gehört das Flügeldeformationsvirus heute zu den wichtigsten Forschungsfeldern im Bereich der Bestäuberkrankheiten.

Quellen

  • Martin S. J. et al. Global honey bee viral landscape altered by a parasitic mite. Science, 2012.
  • Mordecai G. J. et al. Superinfection exclusion and the long term survival of honey bees following DWV infection. Proceedings of the Royal Society B.
  • McMahon D. P. et al. A sting in the spit. Widespread cross infection of multiple RNA viruses across wild and managed bees. Journal of Animal Ecology.
  • Fürst M. A. et al. Disease associations between honeybees and bumblebees as a threat to wild pollinators. Nature.
  • Manley R., Boots M., Wilfert L. Emerging viral disease risk to pollinating insects. Current Opinion in Insect Science.
  • Wilfert L. et al. Deformed wing virus is a recent global epidemic in honeybees driven by Varroa mites. Science.
  • de Miranda J. R., Genersch E. Deformed wing virus. Journal of Invertebrate Pathology.
  • Ryabov E. V. et al. Recent spread of Varroa destructor virus 1. Scientific Reports.
  • Nature Reviews Microbiology. Übersichtsartikel zu Viren der Honigbiene und ihrer Übertragung.
  • https://www.science.org
  • https://royalsocietypublishing.org
  • https://www.nature.com
  • https://www.sciencedirect.com

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Stefan

Über Stefan

Töging am Inn (Südostbayern), 398m
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  • #97428
    Christian
    Forenmitglied
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      • 420, 510 m

      Dieses Thema betrifft und interessiert mich seit Jahren, zumal ich sowohl ein paar wenige Bienenvölker in einem meiner zwei Gärten halte, als auch jährlich viele Hummeln Nistkästen besiedeln. Als Imker hatte ich zuletzt vor einigen Jahren große Probleme mit DWV – ob Variante A oder B weiß ich nicht. Es war zu sehen, dass viele verkrüppelte Bienen die Stöcke verließen und diese daher immer schwächer wurden, sogar zum Totalverlust der Stöcke führten – auch infolge von Räuberei bei diesen stark geschwächten Völkern. Es ist erwiesen, dass der Überträger von DWV die Varroamilbe war/ist. Obwohl in unmittelbarer Nähe meiner Bienenhütte einige Hummelvölker lebten, bemerkte ich kaum geschädigte Hummeln.

      Seit etwa 3 Jahren habe ich keine DWV-Schäden bei meinen 2 – 3 Bienenvölkern mehr bemerkt, die effektive Varroabehandlung ist essentiell und wichtig! Dass es laut Studien allerdings auch befallene Bienen und Hummeln ohne Krankheitsanzeichen gibt, die auch zu Ansteckungen führen, gibt mir schon zu bedenken. Ich halte weitere Forschungen dazu für dringend erforderlich!

      #97431
      Stefan
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      Beitragsersteller
        • DE 84513
        • 398 m

        Hallo @Christian!

        Ich habe das Gefühl, es ist nur ein Eindruck, dass die verkrüppelten Flügel hier weniger wurden die letzten Jahre. Hier hatten vor allem Steinhummeln DWV, Steinhummeln sehe ich hier aber kaum noch. Ob das mit dem Virus zusammenhängt oder andere Gründe hat, da kann man nur spekulieren.

        Grüße Stefan  :keineahnung:

        #97433
        Christian
        Forenmitglied
          • A-4800, 4851
          • 420, 510 m

          Servus @Stefan, ist ja interessant – wie ich schon oft geschrieben habe, zähle ich Steinhummeln hier auch zu den seltenen Arten, die ich versuche aktiv anzusiedeln (wenn ich überhaupt Jungköniginnen sehe, so wie Waldhummeln und Veränderliche). An DWV habe ich noch nicht gedacht. Wie oben geschrieben, Forschungen wären dringend wünschenswert. Wie schon Dave Goulson in seinem Buch “Die seltensten Bienen der Welt” beschreibt, stehen “Zuchthummeln” mit Viren in Verdacht, Schuld am Rückgang von einheimischen Hummeln in vielen Ländern zu sein. Grüße! Christian

          #97438
          Stefan
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            • 398 m

            Ich kann auch nur sagen, dass es hier früher deutlich mehr Steinhummeln gab. Das muss aber nichts bedeuten. Ich denke auch, dass ich die letzten Jahre deutlich mehr Gartenhummeln hatte, als die Jahre davor. Das kann auch eine ganz normale Schwankung sein. Oder eine nicht geputzte Brille. :roll:

            Für Dich als Imker sicher interessant: Heute in einer Woche erscheint hier ein Artikel über das Bienenvirus ABPV und was das mit Hummeln zu tun hat.

            Grüße Stefan

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