Bombus digressus

Von dieser Hummel sind 72 Fundmeldungen bekannt. Nicht 72 aus einer Saison, sondern 72 aus der Zeit seit 1867. 59 davon stammen aus den Jahren bis 2004, die übrigen 13 aus dem Jahrzehnt danach.

Bombus digressus lebt im Bergland von Costa Rica. Henry Milliron beschrieb sie 1962 in einer Reihe taxonomischer Anmerkungen zu amerikanischen Hummeln. Männchen kannte er keine.

22 Jahre bis zum ersten Männchen

Bombus digressusErst 1984 beschrieben Terence Laverty, Robert Plowright und Paul Williams das Männchen. In derselben Arbeit stellten sie für die Art eine eigene Untergattung auf, Digressobombus, weil sie sich nirgends recht einordnen ließ.

Durchgesetzt hat sich das nicht. Die neotropische Artenliste von 2002 folgt der Einteilung von Williams aus dem Jahr 1998 und führt die Art unter Fervidobombus. Eine Untergattung, die für ein einziges Tier geschaffen wird, hält sich selten lange.

Ein Typusfundort, den niemand mehr betreten kann

Das Verbreitungsgebiet umfasst fünf Provinzen Costa Ricas: Cartago, Heredia, San José, Limón und Puntarenas. Dazu kommt ein einziger Nachweis aus Guatemala, und zwar vom Typusfundort am Volcán de Fuego im Departement Escuintla.

Von dort ist seither kein weiteres Tier gemeldet worden, und das aus einem handfesten Grund: Der Vulkan ist aktiv, der Fundort lässt sich nicht besuchen. Die Art trägt ihren Namen also von einer Stelle, an der niemand nachsehen kann, ob sie dort noch vorkommt.

Die Höhenangaben in der neotropischen Artenliste reichen von 1360 bis 3300 Metern. Die Fläche, die alle bekannten Fundorte umschließt, gibt die Rote-Liste-Bewertung mit 1558 Quadratkilometern an. Das ist gut die Hälfte der Fläche des Saarlands, und es ist eine Hüllfläche, nicht die tatsächlich besiedelte Fläche. Die liegt darunter.

info hummelCosta Rica lieferte 30 Prozent aller historischen Hummelbelege Mittelamerikas, aber nur 1,4 Prozent der neueren Aufsammlungen. Wer dort heute eine Art nicht findet, hat womöglich nur nicht gesucht.

Warum die Einstufung heruntergesetzt wurde

Die Bewertung vergleicht 59 alte mit 13 neuen Fundmeldungen und kommt auf drei Kennzahlen:

  • Die heutige Ausdehnung des Verbreitungsgebiets beträgt 72,23 Prozent der historischen.
  • Von den früher besetzten Flächen sind 120,94 Prozent besetzt.
  • Die heutige relative Häufigkeit liegt bei 16,68 Prozent des früheren Wertes.

Der Mittelwert ergibt einen Rückgang von 30,05 Prozent. Nach den Kriterien der Weltnaturschutzunion reicht das für die Einstufung als gefährdet. Eingestuft wurde die Art trotzdem nur als potenziell gefährdet, eine Stufe darunter.

Den Grund nennen die Bearbeiter selbst. Der Sammelaufwand hat sich verschoben: Aus Costa Rica stammen 30 Prozent aller historischen Belege Mittelamerikas, aber nur 1,4 Prozent der Aufsammlungen aus den Jahren 2005 bis 2014. Eine Art mit kleinem Areal ausgerechnet in diesem Land wird dabei zwangsläufig unterrepräsentiert. Dass sie seltener gemeldet wird, kann also am Sammeln liegen und nicht am Bestand. Dazu kommt, dass bei einem Areal dieser Größe schon wenige zusätzliche Funde die Rechnung kippen können.

Wo sie lebt und wo sie geschützt ist

Die Fundgebiete entsprechen Flächen, die früher von Tropenwald und Gebüsch bedeckt waren und heute stark verändert sind. Was die Art konkret an Lebensraum braucht, ist nicht veröffentlicht.

Immerhin liegen die meisten costa-ricanischen Fundorte innerhalb des Schutzgebiets Cordillera Volcánica Central, zu dem die Nationalparks Braulio Carrillo, Volcán Poás, Volcán Irazú und Volcán Turrialba gehören. Auch der Typusfundort in Guatemala liegt in einem Schutzgebiet. Für eine Art mit derart kleinem Areal ist das ein günstiger Umstand.

Was ihr zusetzt

Genannt werden der Verlust von Lebensraum durch flächige Landwirtschaft mit Plantagen und Rinderweiden, Kahlschlag und die Belastung des Bodens mit Pflanzenschutzmitteln. Wegen der geologischen Lage und des kleinen Areals gelten außerdem Vulkanausbrüche, Dürren und Überschwemmungen als ernstzunehmende Gefährdung.

Für die Zukunft erwartet die Bewertung Folgen des Klimawandels sowie Krankheitserreger und Konkurrenz durch eingeführte Zuchthummeln. Letzteres ist in Mittelamerika kein theoretisches Problem, weil Völker für die Bestäubung in Gewächshäusern gehandelt werden.

Sechs Hummelarten in einem ganzen Land

Für Costa Rica führt die neotropische Artenliste sechs Hummelarten insgesamt, für Guatemala zehn. Hummeln sind Tiere kühler Klimazonen, und in den Tropen bleiben ihnen nur die Gebirge. Bombus digressus ist eine dieser sechs.

Was über ihr Leben fehlt

Es gibt keine Beschreibung eines Nestes, keine Angabe zur Volksstärke, keinen dokumentierten Ablauf eines Nestjahres und keine Liste der besuchten Blüten. Die Bewertung empfiehlt, Bodennester zu schützen und die einheimische Flora zu erhalten, besonders die blühenden Pflanzen der Ruderalvegetation. Sie setzt damit voraus, dass die Art unterirdisch nistet und an Ruderalfluren gebunden ist. Beschrieben ist beides nicht.

Der Grund liegt im Zuschnitt der Forschung vor Ort. Costa Rica hat eine gut ausgebaute biologische Forschung, aber sie richtet sich auf die artenreichen Gruppen der Tropen, auf stachellose Bienen, Orchideenbienen und Bestäuber der Tieflandwälder. Eine Hummel, die nur oberhalb von 1360 Metern vorkommt und im ganzen Land eine von sechs Arten ist, steht dabei selten im Mittelpunkt.

Quellen

  • Vandame R. & Martínez López O.G. 2013. Bombus digressus. The IUCN Red List of Threatened Species, Kennung T21215163A21215205, veröffentlicht am 25. Mai 2013, Fassung 2016-1. Abrufbar über iucnredlist.org
  • Milliron H.E. 1962. Taxonomic notes on some American bumblebees (Hymenoptera: Apidae; Bombinae). The Canadian Entomologist 94: 728 bis 735
  • Laverty T.M., Plowright R.C. & Williams P.H. 1984. Digressobombus, a new subgenus with a description of the male of Bombus digressus (Hymenoptera: Apidae). The Canadian Entomologist 116: 1051 bis 1056
  • Abrahamovich A.H. & Díaz N.B. 2002. Bumble bees of the Neotropical Region (Hymenoptera: Apidae). Biota Colombiana 3: 199 bis 214. Frei abrufbar über revistas.humboldt.org.co
  • Abrahamovich A.H., Díaz N.B. & Morrone J.J. 2004. Distributional patterns of the Neotropical and Andean species of the genus Bombus (Hymenoptera: Apidae). Acta Zoológica Mexicana (n.s.) 20: 99 bis 117. Frei abrufbar über scielo.org.mx
  • Labougle J.M. 1990. Bombus of México and Central America (Hymenoptera, Apidae). The University of Kansas Science Bulletin 54: 35 bis 73
  • Foto: Marshal Hedin (mhedin), Beobachtung vom 02.08.2023, San José Province, Rivas, Costa Rica. inaturalist.org/observations/179371870, Lizenz CC BY-NC-SA 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0, unverändert

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