Unerwartete Hummel (Bombus inexspectatus)
Unter den europäischen Hummelarten nimmt Bombus inexspectatus eine Sonderstellung ein, die selbst erfahrene Kenner überrascht. Wie eine Kuckuckshummel besitzt sie keine eigene Arbeiterinnenkaste und lebt stattdessen als Sozialparasit im Nest einer anderen Hummelart. Anders als die echten Kuckuckshummeln gehört sie aber nicht zur Untergattung Psithyrus, sondern zur Untergattung Thoracobombus, in der ansonsten ausschließlich Arten mit eigenem Staat und eigenen Arbeiterinnen stehen. Sie hat also unabhängig von den eigentlichen Kuckuckshummeln denselben Lebensstil entwickelt, ein Beispiel für das, was Biologen konvergente Evolution nennen.
Eine Kuckuckshummel, die keine ist
Die Art wurde 1963 vom Entomologen Bohumil Tkalců erstmals aus den Alpen beschrieben und ist seither aus Bergregionen Österreichs, Frankreichs, Italiens, der Schweiz und Spaniens bekannt. In Deutschland wurde sie bislang nicht nachgewiesen. Sie besiedelt ausschließlich Höhenlagen zwischen etwa 1.100 und 2.100 Metern, in offenen Bereichen der alpinen und subalpinen Stufe sowie an Waldrändern. Ihre Vorkommen sind stark zersplittert, unter anderem gibt es isolierte Populationen im Kantabrischen Gebirge in Nordspanien. Diese fleckenhafte Verbreitung gilt als Hinweis darauf, dass die Art früher deutlich weiter verbreitet war und sich mit veränderten klimatischen Bedingungen auf einzelne Gebirgsstöcke zurückgezogen hat.
Aussehen: Verwechslung mit dem eigenen Wirt
Bombus inexspectatus ähnelt in der Färbung stark ihrem einzigen bislang bestätigten Wirt, der Grashummel, Bombus ruderarius, eine Nähe, die sich auch in der engen verwandtschaftlichen Stellung beider Arten zueinander widerspiegelt. Beide Arten tragen gelb-schwarze Querbinden am Vorderkörper, während die letzten Hinterleibssegmente rostrot gefärbt sind. Ein Merkmal, das auf den Sozialparasitismus hindeutet, zeigt sich bei den Weibchen: Ihre Sammeleinrichtungen für Pollen an den Hinterbeinen sind stark zurückgebildet, da sie im Gegensatz zu Weibchen selbstständiger Arten weder Nest noch Nachwuchs selbst versorgen müssen.
Lebensweise: Parasit bei einer bereits seltenen Wirtsart
Wie bei Kuckuckshummeln üblich, sucht das überwinterte Weibchen im Frühjahr das Nest der Wirtsart auf, um dessen bereits vorhandene Arbeiterinnen zur Aufzucht des eigenen Nachwuchses zu nutzen. Bei Bombus inexspectatus kommt eine Besonderheit hinzu: Da sie zur Aufzucht ihres Nachwuchses vollständig von Wachs und Pollenkörbchen ihres Wirtes abhängig ist und selbst keine eigenen Nester gründen kann, gilt sie als obligater Sozialparasit. Geht der Bestand ihres einzigen bekannten Wirtes, der Grashummel, zurück, wirkt sich das unmittelbar auch auf die Unerwartete Hummel aus.
Eine Wiederentdeckung nach 80 Jahren
Wie selten die Art tatsächlich ist, zeigt ein Fund aus dem Jahr 2019. In Fachkreisen galt Bombus inexspectatus in Österreich bereits als praktisch verschwunden, bis der Hobbyforscher Martin Streinzer in Südkärnten sowohl ein Männchen als auch ein Weibchen entdeckte, den ersten österreichischen Nachweis seit rund 80 Jahren. Bestätigt wurde der Fund von Hummelexperten der Citizen-Science-Plattform naturbeobachtung.at des Naturschutzbundes Österreich. Der Fall zeigt, wie wertvoll aufmerksame Freizeitbeobachter für die Erforschung derart seltener Arten sein können, ganz ähnlich wie bei der bereits an anderer Stelle beschriebenen Fallstudie zur Lichtschranken-Zählung eines Hummelvolkes.
Quellen
- Free, J. B. (1970): Is Bombus inexspectatus (Tkalců) a workerless obligate parasite? Insectes Sociaux, 17, S. 207 bis 216
- Wikipedia (englisch): Bombus inexspectatus, en.wikipedia.org/wiki/Bombus_inexspectatus
- Muller, A. (2006): A scientific note on Bombus inexspectatus (Tkalcu, 1963): evidence for a social parasitic mode of life, Apidologie, 37(3), S. 408 bis 409
- Naturschutzbund Österreich: Wahrscheinlich seltenste Hummel Österreichs gefunden, naturschutzbund.at
- Naturschutzbund Österreich: Hummeln kennen, erforschen und schützen, naturschutzbund.at
- Ministerio para la Transición Ecológica, Spanien: Bombus inexspectatus, Artensteckbrief, www.miteco.gob.es
- Wildbienen.de, Hans-Jürgen Martin: Hummel-Arten, www.wildbienen.de/huarten.htm
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Stefan aktualisiert.
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