Satellitenfliege
Innerhalb der großen Familie der Blumenfliegen gibt es eine Gattung, die sich von allen anderen deutlich unterscheidet, Leucophora. In älterer Hummelliteratur findet sich regelmäßig der Hinweis, Blumenfliegenlarven kämen in Nestern von Hummeln, Wespen und solitären Bienen vor und würden dort vor allem eingetragene Vorräte oder Nestabfall verzehren. Genannt werden dabei meist zwei Gattungsnamen, Hammomyia und Hylephila. Beide Namen sind aus der heutigen Fachliteratur verschwunden, nicht weil die Beobachtungen falsch waren, sondern weil die Taxonomie seither aufgeräumt wurde. Hammomyia Rondani, 1877, gilt inzwischen als jüngeres Synonym der Gattung Leucophora Robineau-Desvoidy, 1830, ebenso mehrere unter dem Namen Hylephila beschriebene Arten. Was ältere Autoren unter diesen Namen in Hummelnestern notierten, gehört damit zu einer Gattung, die heute unter einem anderen deutschen Namen bekannt ist, als Satellitenfliege.
Diese Umbenennung ist mehr als eine taxonomische Fußnote. Für die Gattung Leucophora ist inzwischen gut belegt, dass ihre Larven keine harmlosen Nestputzer sind, sondern gezielte Bruträuber. Fachlich spricht man von Kleptoparasitismus, die Fliegenlarven stehlen der Wirtsbrut den eingetragenen Pollen- und Nektarvorrat. Das rückt diese eine Gattung deutlich von der übrigen, größtenteils harmlosen Familie ab.
Wie eine Satellitenfliege ein Nest findet
Am gründlichsten untersucht ist dieses Verhalten bei Arten, die Sandbienen der Gattung Andrena parasitieren, etwa Leucophora obtusa und Leucophora personata. Die Fliegenweibchen warten in der Nähe von Nistplätzen oder verfolgen eine pollenbeladene Biene direkt im Flug. Erreicht die Wirtsbiene ihren Nesteingang, wartet die Fliege ab, bis diese kurz wieder herauskommt, und huscht dann selbst ein Stück in den Nistgang. Dort legt sie Eier oder junge Larven ab, mitunter mehrfach in derselben Brutzelle. Manche Wirtsbienen erkennen die Verfolgung und versuchen, die Fliege mit Zickzackflügen abzuschütteln. Das gelingt nicht immer.
Was die Fliegenmaden im Nest anrichten
Die Larven wandern den Nistgang entlang bis zur Brutzelle und fressen dort vor allem den eingetragenen Pollen- und Nektarvorrat. Für die Bienenlarve, die genau auf diese Ration angewiesen ist, kann das über Verpuppung oder Verhungern entscheiden, besonders wenn mehrere Fliegenlarven eine einzige Zelle befallen. Direkte Angriffe auf die Bienenlarve selbst sind bei Satellitenfliegen seltener belegt als bei anderen Fliegenfamilien. Ein Beispiel für ein deutlich aggressiveres Muster liefert die Sarkophagide Brachicoma devia: Ihre Larven befallen bereits verpuppte Hummellarven im Kokon und saugen sie regelrecht aus. Bei Leucophora dagegen steht die Futterkonkurrenz im Vordergrund. Tödlich für die einzelne Brutzelle kann sie trotzdem sein.
Was bei Hummeln gesichert ist und was nicht
Die zitierten Forschungsergebnisse zu Leucophora stammen fast ausschließlich aus Untersuchungen an bodennistenden Solitärbienen, vor allem Sandbienen und Furchenbienen. Für Hummeln ist die Datenlage deutlich dünner. Die klassischen Hinweise auf Blumenfliegenlarven in Hummelnestern gehen auf ältere, meist beschreibende Beobachtungen zurück, die selten die genaue Art benennen. Da Hummeln ähnliche Nistplätze wie viele Sandbienen nutzen, verlassene Mäusenester, Erdlöcher und ähnliche Hohlräume, ist eine gelegentliche Nutzung solcher Nester durch Satellitenfliegen plausibel. Wie häufig das tatsächlich vorkommt und welche Leucophora-Arten dabei eine Rolle spielen, ist bislang nicht systematisch untersucht.
Abgrenzung zu anderen Hummelfeinden
Damit lässt sich die Satellitenfliege im Vergleich zu anderen bekannten Feinden der Hummel einordnen:
- Dickkopffliegen (Conopidae) sind echte Endoparasitoide. Ihre Larve wächst im Körper einer erwachsenen Hummel heran und tötet sie nach einigen Tagen.
- Brachicoma devia befällt bereits verpuppte Hummellarven im Kokon und saugt sie aus, was ganze Völker schwächen kann.
- Die Hummel-Schwebfliege Volucella bombylans gilt als echter Kommensale. Ihre Larven fressen im verlassenen Nestbereich nur Abfall, ohne die Brut anzugreifen.
Satellitenfliegen der Gattung Leucophora stehen dazwischen. Sie greifen die Brut nicht unmittelbar an, entziehen ihr aber die Nahrungsgrundlage, ein klassischer Fall von Kleptoparasitismus.
Quellen
- Peter-Frank Röseler: Der Hummelgarten. Lebensraum und Biologie der Hummeln. Triga Verlag, ISBN 3-89774-447-3
- J. E. Collin (1920): A contribution towards the knowledge of the Anthomyid genera Hammomyia and Hylephila of Rondani. Transactions of the Entomological Society of London, 1920, S. 305–330
- GBIF Secretariat: Leucophora Robineau-Desvoidy, 1830. GBIF Backbone Taxonomy, gbif.org/species/5077755
- Hans-Jürgen Martin: Wildbienen-Arten: Einführung. wildbienen.de/wba-intr.htm
- Carlo Polidori, Benedetta Scanni, Elena Scamoni, Manuela Giovanetti, Francesco Andrietti, Robert J. Paxton (2005): Satellite flies (Leucophora personata, Diptera: Anthomyiidae) and other dipteran parasites of the communal bee Andrena agilissima (Hymenoptera: Andrenidae) on the island of Elba, Italy. Journal of Natural History, 39, S. 2745–2758
- Carlo Polidori, Verner Michelsen, José Luis Nieves-Aldrey (2015): Leucophora Satellite Flies (Diptera: Anthomyiidae) as Nest Parasites of Sweat Bees (Hymenoptera: Halictidae) in the Neotropics. Neotropical Entomology, 44, S. 418–421
- Manuel A. Ramírez-Mora, Luciano Damián Patitucci (2025): Revision of the genus Leucophora (Diptera: Anthomyiidae) from South America, with the description of eight new species. Zootaxa, 5707, S. 1–82
- Steven Falk, Rachel Lennon und Darwin Tree of Life Consortium: The genome sequence of a satellite fly, Leucophora obtusa (Zetterstedt, 1837). Wellcome Open Research, 2023
- Laura Smith: Bumblebee symbionts (parasites, mutualists and commensals). bumblebee.org/Symbionts.htm
- inaturalist.org
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