Pfingstrose und Ameisen: Eine clevere Partnerschaft im Garten

Wer im Frühling die dicken Knospen der Pfingstrosen (Päonien) betrachtet, bemerkt fast immer ein emsiges Treiben: Ganze Heerscharen von Ameisen krabbeln auf ihnen herum. Was auf den ersten Blick wie ein Schädlingsbefall aussieht, ist in Wahrheit ein faszinierendes Zusammenspiel der Natur. Biologen sprechen hier von einem fakultativen Mutualismus – einer Partnerschaft, die für beide Seiten vorteilhaft, aber nicht lebensnotwendig ist.

Das Tauschgeschäft: Zuckerwasser gegen Schutz

Die Beziehung basiert auf einem einfachen, aber effektiven Prinzip: Nahrung gegen Sicherheit. Pfingstrosen besitzen an den Kelchblättern ihrer Knospen sogenannte “extraflorale Nektarien”. Das sind winzige Drüsen, die sich außerhalb der eigentlichen Blüte befinden.

Sobald die Knospe wächst, sondern diese Drüsen einen klebrigen, zuckerreichen Saft ab. Für Ameisen ist dieses Sekret eine hochenergetische Nahrungsquelle, die sie gierig auflecken. Als Gegenleistung revanchieren sich die Ameisen als hocheffizienter Sicherheitsdienst:

  • Schädlingsabwehr: Ameisen sind extrem territorial. Sie verteidigen „ihre“ Pfingstrose aggressiv gegen andere Insekten. Schädlinge wie Raupen, Thripse oder Blattläuse werden vertrieben oder gefressen.
  • Hygiene: Durch das ständige Belaufen und Putzen der Ameisen haben es auch schädliche Pilzsporen (wie der Grauschimmel) schwerer, sich auf der Knospe festzusetzen.
info hummelhaus bauanleitungDas Gerücht, Ameisen müssten die Knospen erst „aufbeißen“, damit sie sich öffnen, ist falsch. Die Knospe öffnet sich durch ihr eigenes Wachstum. Die Ameisen sind lediglich für den Schutz zuständig.

Perfekt getaktetes Bündnis auf Zeit

Diese Partnerschaft ist von der Natur zeitlich exakt gesteuert und endet, sobald sich die Blüte öffnet:

Phase der Pflanze Zustand der Saftdrüsen Verhalten der Ameisen
Knospenstadium Drüsen sind aktiv, scheiden süßen Nektar aus Hohe Ameisenpräsenz; die Knospe wird geschützt
Blütezeit (Anthese) Die Produktion des Safts versiegt Ameisen ziehen ab; der Weg für Bienen und Hummeln ist frei

Dieses Timing ist überlebenswichtig für die Pfingstrose. Würden die aggressiven Ameisen während der Blütezeit auf der Pflanze bleiben, könnten sie wichtige Bestäuber wie Bienen oder Hummeln abschrecken und so die Fortpflanzung der Pflanze verhindern.

Für Gärtnerinnen und Gärtner bedeutet dieses Wissen vor allem eines: Gelassenheit. Da die Ameisen der Pflanze nützen und sie nicht schädigen, sollte man gänzlich auf Ameisengift, Insektensprays oder Hausmittel verzichten. Sie würden das biologische Gleichgewicht im Garten nur unnötig stören.

Das Phänomen der extrafloralen Nektarien

Das Phänomen der extrafloralen Nektarien ist in unserer heimischen Pflanzenwelt gar nicht so selten. Viele Gehölze und Wildkräuter nutzen genau dieselbe Strategie wie die Pfingstrose, um Ameisen als Leibwächter anzuwerben.

Heimische Gehölze (Bäume und Sträucher)

  • Süßkirsche, Sauerkirsche und Pflaume (Prunus-Arten): Wenn Sie sich die Blattstiele von Kirschbäumen genau ansehen, entdecken Sie direkt unterhalb der Blattspreite meist zwei kleine, rötliche Höcker oder Knubbel. Das sind sehr aktive Zuckdrüsen, an denen im Frühjahr fast immer Ameisen zu finden sind.
  • Gemeiner Schneeball (Viburnum opulus): Dieser weit verbreitete Strauch besitzt am Blattstiel kleine, ovale Drüsen. Die Ameisen schützen die Pflanze vor allem vor dem gefürchteten Schneeballblattkäfer.
  • Holunder (Sambucus): Sowohl der Rote Holunder als auch der Zwerg-Holunder besitzen kleine Drüsen an den Blattansätzen, die fleißig süßen Saft produzieren.

Wildkräuter und Nutzpflanzen

  • Wicken (Vicia-Arten): Viele heimische Wickenarten (wie die Zaun-Wicke oder die Futter-Wicke) haben die Drüsen auf den kleinen Nebenblättern sitzen. Auf der Unterseite dieser Blättchen schimmert oft ein winziger, süßer Tropfen, der gezielt Ameisen anlockt, um die empfindlichen Triebe vor Raupen zu schützen.
  • Acker-Wachtelweizen (Melampyrum arvense): Diese Wildpflanze trägt winzige Drüsen auf den Tragblättern direkt unter den Blüten.
  • Adlerfarn (Pteridium aquilinum): Selbst Farne, die ja gar keine echten Blüten besitzen, nutzen diesen Trick. Der Adlerfarn scheidet an den Verzweigungen seiner Wedel Nektar aus, um sich Ameisen als Schutz gegen pflanzenfressende Insekten zu sichern
info hummelhaus bauanleitungAusnahme Kirschlorbeer: Obwohl er nicht heimisch ist, sondern ursprünglich aus Südosteuropa und Asien stammt, sieht man dieses Schauspiel im Garten extrem häufig beim Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus). Auf den Unterseiten der ledrigen Blätter sitzen kleine, bräunliche Flecken (Drüsen). Weil der Kirschlorbeer in Hecken oft so stark geschnitten wird, dass er gar nicht blüht, sind diese Saftdrüsen im Frühsommer eine Hauptnahrungsquelle für Ameisen, aber auch für Bienen und Wespen.

Bildquelle

MurielBendel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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Stefan

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Töging am Inn (Südostbayern), 398m