Hummel Hofdamen
Sobald ein Hummelvolk über genügend Arbeiterinnen verfügt, verlässt die Königin das Nest kaum noch und verlegt sich fast vollständig auf die Eiablage. Für diese Umstellung sind maßgeblich die Arbeiterinnen verantwortlich, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhalten und sie versorgen, im populärwissenschaftlichen Sprachgebrauch gelegentlich als Hofdamen bezeichnet. Stephanie Woodard und Kollegen zeigten 2013 experimentell, dass allein die Anwesenheit von Arbeiterinnen im Nest ausreicht, damit eine Königin ihr eigenes Fütterungsverhalten gegenüber der Brut deutlich reduziert und ihre Eiablage im Vergleich zu einer weiterhin allein arbeitenden Königin auf etwa das Dreifache steigert. Die Signale, die diesen Wandel auslösen, sind nach heutigem Kenntnisstand eher sozialer und möglicherweise chemischer Natur als eine gezielte Fütterungskontrolle durch einzelne Arbeiterinnen.
Was Hofdamen für die Königin tun
Zu den Aufgaben der Arbeiterinnen im direkten Umfeld der Königin gehören die Fütterung mit Nektar und Pollen durch Mund-zu-Mund-Übergabe, das Reinigen ihres Körpers sowie die Entfernung von Kot aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Bei der besser erforschten Honigbiene ist dieses sogenannte Hofstaat- oder Retinue-Verhalten sehr genau beschrieben, mit einer meist konstanten Zahl begleitender Arbeiterinnen und einer klaren Rolle von Königinnenpheromonen bei deren Anziehung. Bei Hummeln ist das entsprechende Verhalten in der Fachliteratur deutlich weniger detailliert untersucht, in seiner Grundfunktion, nämlich der direkten Versorgung der Königin durch einzelne Arbeiterinnen, aber ebenfalls gut belegt und dem Verhalten der Honigbiene erkennbar ähnlich.
Die Konkurrenzphase: wenn sich das Verhältnis umkehrt
Gegen Ende der Kolonieentwicklung, meist im Spätsommer, verändert sich das Verhältnis zwischen Königin und Arbeiterinnen grundlegend. Guy Bloch beschrieb 1999, dass zu diesem Zeitpunkt, der sogenannten Konkurrenzphase, Eier und Eizellen gegenseitig zerstört und gefressen werden und es zu offener Aggression zwischen Königin und Arbeiterinnen kommt, bis hin zu Angriffen, die für die Königin tödlich enden können. Sien Princen und Kollegen zeigten 2020, dass Arbeiterinnen in dieser Phase eine eigene Rangordnung untereinander ausbilden und die bis dahin allein reproduzierende Königin durch Kopfstöße, Beißen und andere aggressive Verhaltensweisen aus ihrer bisherigen Vormachtstellung verdrängen. Dieselben Arbeiterinnen, die zu Beginn der Saison die Königin fütterten und pflegten, können sich also innerhalb weniger Wochen zu deren Konkurrentinnen entwickeln.
Warum Arbeiterinnen die Königin herausfordern
Die genetische Grundlage dieses Verhaltenswandels liegt in einer Besonderheit der Fortpflanzung bei Bienen, Wespen und Ameisen. Weibliche Nachkommen entstehen bei ihnen aus befruchteten, männliche Nachkommen dagegen aus unbefruchteten Eiern. Dadurch ist eine Arbeiterin mit ihren eigenen, unbefruchtet gelegten Söhnen genetisch enger verwandt als mit ihren Brüdern, den Söhnen der Königin. Solange das Volk noch wächst und Arbeiterinnen für Sammelflüge, Brutpflege und Nestbau benötigt werden, überwiegt der Vorteil, den Zusammenhalt des Volkes nicht zu gefährden. Sobald jedoch absehbar ist, dass die Saison bald endet und die Königin ohnehin nur noch Männchen und neue Königinnen statt weiterer Arbeiterinnen hervorbringt, sinkt dieser Vorteil, und die eigene Eiablage einzelner Arbeiterinnen wird aus evolutionärer Sicht lohnender. Marie-José Duchateau und Hayo Velthuis beschrieben bereits 1988, dass dieser Wechsel der Königin zur Männchenproduktion, der sogenannte Switch Point, der eigentlichen Konkurrenzphase meist vorausgeht und sie mit auslöst.
Bedeutung für das Volk
Die Fürsorge der Hofdamen in der ersten Saisonhälfte sichert der Königin die nötige Energie und Ruhe, um sich vollständig auf die Eiproduktion zu konzentrieren, wodurch das Volk in kurzer Zeit stark anwachsen kann. Der spätere Umschwung zur offenen Konkurrenz ist dagegen kein Zeichen eines gestörten Sozialgefüges, sondern ein regelmäßig auftretender, evolutionär erklärbarer Bestandteil des Koloniezyklus, der unmittelbar in die Produktion von Drohnen und Jungköniginnen übergeht. Die genauen Mechanismen der Eiablage durch Arbeiterinnen und die Reaktion des Volkes darauf werden in einem eigenen Artikel ausführlicher behandelt.
Quellen
- Woodard, S. H. et al. (2013): Social regulation of maternal traits in nest-founding bumble bee (Bombus terrestris) queens. Journal of Experimental Biology 216(18), S. 3474 bis 3482.
- Bloch, G. (1999): Regulation of queen-worker conflict in bumble-bee (Bombus terrestris) colonies. Proceedings of the Royal Society B 266(1437), S. 2465 bis 2469.
- Princen, S. A., Van Oystaeyen, A., van Zweden, J. S., Wenseleers, T. (2020): Worker dominance and reproduction in the bumblebee Bombus terrestris: when does it pay to bare one’s mandibles? Animal Behaviour 166, S. 41 bis 50.
- Duchateau, M. J., Velthuis, H. H. W. (1988): Development and reproductive strategies in Bombus terrestris colonies. Behaviour 107(3 bis 4), S. 186 bis 207.
- Goulson, D. (2010): Bumblebees: Behaviour, Ecology, and Conservation. 2. Auflage, Oxford University Press.
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Stefan aktualisiert.
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