Bombus glacialis
Diese Hummel lebt an zwei Orten der Welt, und zwischen ihnen liegen 3600 Kilometer Arktis. Bombus glacialis kommt auf Novaja Semlja im europäischen Nordpolarmeer vor und auf der Wrangelinsel vor der Küste Ostsibiriens. Dazwischen fehlt sie. Diese Verteilung ist kein Zufall, sondern der Rest eines viel größeren Areals.
Drei Arten auf einer arktischen Inselgruppe
Novaja Semlja beherbergt genau drei Hummelarten: neben Bombus glacialis noch Bombus hyperboreus und Bombus pyrrhopygus. Sie besiedeln die Südinsel und den Südrand der Nordinsel, weiter nördlich wird es auch für Hummeln zu kalt.
Bombus glacialis bewohnt dort wiesenartige Bestände und Flecken von Kräutertundra. Gesammelt wird vor allem an Schmetterlingsblütlern wie Alpen-Tragant und arktischem Süßklee sowie am Zwerg-Weidenröschen. Unter den drei Arten hat sie die längste Flugzeit, sie reicht von Anfang oder Mitte Juni bis Ende August. Arbeiterinnen erscheinen Anfang Juli, Männchen ab Ende Juli. Für ein Hummelvolk bleiben damit rund zehn Wochen, in Mitteleuropa sind es je nach Art vier bis sechs Monate.
Königinnen tragen einen schwarzen Kopf, einen gelben Kragen, ein gelbes Schildchen und Gelb auf den ersten beiden Hinterleibssegmenten. Der hintere Teil des Hinterleibs ist überwiegend schwarz, gelegentlich mischen sich rostfarbene Haare ein.
Eine Art, die zweimal bestätigt werden musste
Heinrich Friese beschrieb die Art 1902 anhand von Material aus Novaja Semlja. Lange blieb strittig, ob es sich um mehr handelt als um eine Inselform. 2017 legte eine Arbeitsgruppe um Grigori Potapov eine Untersuchung vor, die morphologische Merkmale mit genetischen Daten verband. Das Ergebnis stützte den Artstatus: Die Tiere weichen im Barcode-Gen deutlich ab und tragen zusätzlich eine eigene Veränderung in einem Kerngen. Nächste Verwandte sind Bombus lapponicus und Bombus sylvicola.
Ein Relikt der Eiszeit
Aus diesen Befunden ergibt sich ein Bild: Bombus glacialis war während des Pleistozäns vermutlich entlang des gesamten eurasischen Kontinentalrandes verbreitet. Als die Temperaturen nach dem Ende der letzten Kaltzeit stiegen, zog sich die kälteangepasste Art auf die Gebiete zurück, in denen es kalt blieb. Übrig geblieben sind zwei Inselvorkommen an den Rändern des früheren Areals.
Solche Reliktvorkommen sind besonders empfindlich. Eine Art, die nur noch dort lebt, wo es am kältesten ist, hat keinen Rückzugsraum mehr, wenn auch dieser Ort wärmer wird. Die Autoren der Untersuchung weisen ausdrücklich darauf hin, dass kälteangepasste Reliktlinien auf abgelegenen arktischen Inseln durch die aktuelle Erwärmung stark gefährdet sind.
Wie schmal die Datenbasis ist
Alles, was hier steht, beruht auf wenigen Dutzend Tieren. Für die Auswertung von Novaja Semlja standen 23 neu gesammelte Exemplare und 67 historische Belege zur Verfügung, verteilt über mehr als hundert Jahre. Ein einziges Nest dieser Art ist nach den zugänglichen Veröffentlichungen nicht beschrieben worden. Zur Volksstärke, zur Nistweise, zur Zahl der Jungköniginnen und zur Bestandsgröße gibt es keine Angaben.
Der Grund liegt auf der Hand. Beide Inselgruppen sind schwer erreichbar, die Feldsaison dauert wenige Wochen, und jede Aufsammlung setzt eine Expedition voraus. Wo europäische Hummelarten von Tausenden Freiwilligen gemeldet werden, hängt das Wissen über Bombus glacialis an einer Handvoll Forschungsreisen. Bemerkenswert ist unter diesen Umständen weniger, wie wenig man weiß, sondern dass sich der Artstatus und die Verwandtschaft über zwei so weit auseinanderliegende Vorkommen überhaupt klären ließen.
Quellen
- Potapov, G. S. et al. (2018): An integrative taxonomic approach confirms the valid status of Bombus glacialis, an endemic bumblebee species of the High Arctic. Polar Biology. DOI 10.1007/s00300-017-2224-y
- Potapov, G. S. et al. (2019): Pollinators on the polar edge of the Ecumene: taxonomy, phylogeography, and ecology of bumble bees from Novaya Zemlya. ZooKeys 866, Seiten 85 bis 115
- Potapov, G. S., Berezin, M. V., Kolosova, Y. S. et al. (2021): The last refugia for a polar relict pollinator: isolates of Bombus glacialis on Novaya Zemlya and Wrangel Island indicate its broader former range in the Pleistocene. Polar Biology 44, Seiten 1691 bis 1709. DOI 10.1007/s00300-021-02912-6
- Friese, H. (1902): Erstbeschreibung von Bombus glacialis anhand von Material aus Novaja Semlja
- Polar Journal (2021): Bericht über den Nachweis der Art auf der Wrangelinsel, polarjournal.net
- Foto: maryjudy, Beobachtung vom 30.07.2012, Iultinsky District, Chukotka Autonomous Okrug, Russia. inaturalist.org/observations/297979700, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert
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