Bombus brodmanni

Von einer der beiden Unterarten dieser Hummel existiert genau ein Tier. Es ist das Belegstück, an dem der Name hängt, und ein zweites ist nie gefunden worden. Bombus brodmanni gehört zu den Arten, bei denen der Bestimmungsführer und die Verbreitungskarte weiter reichen als das tatsächliche Wissen.

Oskar Vogt beschrieb sie 1909. Sie gehört zur pomorum-Gruppe, die früher als eigene Untergattung Rhodobombus geführt wurde. Pierre Rasmont nennt sie im europäischen Bienenatlas eine sehr seltene Art mit fragwürdigem Status.

Zwei Gebirge, zwei Unterarten

Die Nominatform lebt im Nordosten der Türkei, von Erzincan bis zum Ararat, sowie im westlichen Kaukasus in den Gebieten von Teberda und des Elbrus. Das sind zwei getrennte Hochgebirgsregionen, zwischen denen die Art nicht nachgewiesen ist.

Die zweite Unterart trägt den Namen denesi und stammt aus dem Westen Anatoliens. Bekannt ist sie ausschließlich durch ihren Holotypus, also durch das eine Tier, an dem ihr Name festgemacht wurde.

info hummelEin Holotypus ohne weitere Funde bedeutet, dass die Variationsbreite der Form unbekannt ist. Man weiß, wie ein Tier aussah, aber nicht, ob dieses Tier für seine Population typisch war oder ein Einzelstück mit ungewöhnlicher Färbung.

Warum der Status fragwürdig ist

Rasmonts Formulierung vom fragwürdigen Status meint die Frage, ob es sich überhaupt um eine eigenständige Art handelt. Bei Hummeln lässt sich das an der Färbung selten entscheiden, weil dieselbe Art in verschiedenen Gebirgen verschieden gefärbt sein kann und nicht verwandte Arten im selben Gebirge oft gleich aussehen.

Zu klären wäre das über Genabschnitte und über die Zusammensetzung der Kopfdrüsensekrete der Männchen, jene Methodenkombination, mit der in den vergangenen Jahren mehrere strittige Fälle in der Untergattung Thoracobombus entschieden wurden. Dafür braucht man frisch konservierte Tiere, und genau daran fehlt es bei einer sehr seltenen Art.

Nicht in der Roten Liste

In der Europäischen Roten Liste der Bienen von 2014 kommt Bombus brodmanni nicht vor. Das ist keine Entwarnung, sondern eine Folge des Zuschnitts: Der weitaus größte Teil des bekannten Areals liegt in der Türkei und damit außerhalb des Bewertungsgebiets.

Verwechseln sollte man den Namen nicht mit Bombus brodmannicus, einer anderen Art derselben Region, die in der Roten Liste als stark gefährdet geführt wird. Die Ähnlichkeit der Namen geht darauf zurück, dass beide auf denselben Sammler zurückgehen dürften.

Was fehlt

Es gibt kein beschriebenes Nest, keine Angabe zur Volksstärke, keinen dokumentierten Nestjahresablauf, keine beobachtete Paarung und keine veröffentlichte Liste der besuchten Blüten. Ein Bestandstrend liegt nicht vor.

Der Nordosten Anatoliens ist entomologisch bearbeitet, dort sind in den vergangenen Jahrzehnten umfangreiche Hummelaufsammlungen entstanden. Dass diese Art dabei kaum auftaucht, spricht dafür, dass sie tatsächlich selten ist und nicht bloß übersehen wird. Für den westanatolischen Teil gilt das nicht im selben Maß: Ein einziges Belegtier aus einer ganzen Region lässt beide Möglichkeiten offen.

Der nächste sinnvolle Schritt wäre eine gezielte Nachsuche an den historischen Fundorten in Erzincan und am Ararat, mit Material, das sich für Genanalysen eignet. Damit ließe sich zugleich klären, ob die Art eine ist und ob sie noch existiert.

Quellen

  • Rasmont P. 2013. Bombus (Thoracobombus) brodmanni. In: Atlas of the European Bees, STEP Project, Atlas Hymenoptera, Mons und Gembloux. Abrufbar über zoologie.umons.ac.be
  • Rasmont P. & Iserbyt S. 2014. Atlas of the European Bees: genus Bombus. 3. Auflage, STEP Project, Atlas Hymenoptera, Mons und Gembloux
  • Nieto A., Roberts S.P.M., Kemp J., Rasmont P., Kuhlmann M., García Criado M., Biesmeijer J.C. u. a. 2014. European Red List of Bees. Publication Office of the European Union, Luxemburg
  • Vogt O. 1909. Studien über das Artproblem. 1. Mitteilung. Über das Variieren der Hummeln. 1. Teil. Sitzungsberichte der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin 1909: 28 bis 84
  • Brasero N., Martinet B., Michez D., Lecocq T., Valterova I. & Rasmont P. 2020. Taxonomic revision of the Sylvarum group of bumblebees using an integrative approach. Systematics and Biodiversity 18: 12 bis 28

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