Baumhummel
Die Baumhummel (Bombus hypnorum) ist an ihrer Färbung leicht zu erkennen: Königinnen und Arbeiterinnen tragen eine orangebraune bis fuchsrote Brust, einen schwarzen Hinterleib und am fünften und sechsten Tergit eine weiße Spitze. Bei manchen Tieren ist die Brust fast oder ganz schwarz. Mit dieser Zeichnung ist sie von den anderen heimischen Hummeln recht eindeutig zu unterscheiden. In der Roten Liste der Bienen Deutschlands von 2011 gehört sie zu den sechs Hummelarten mit der Bestandsangabe „sehr häufig“, neben Ackerhummel, Steinhummel, Wiesenhummel und den beiden Erdhummeln. Auch in der Feldbestimmungshilfe des Thünen-Instituts steht sie unter den sieben häufigsten Hummelarten und Artkomplexen der Agrarlandschaft, zusammen mit dem Erdhummel-Komplex, Ackerhummel, Steinhummel, Wiesenhummel, dem Gartenhummel-Komplex und der Bunthummel.
Königinnen werden 17 bis 20 Millimeter lang und erreichen 35 bis 38 Millimeter Flügelspannweite. Arbeiterinnen schwanken stark zwischen 8 und 18 Millimetern Länge bei 19 bis 32 Millimetern Spannweite, Männchen messen 14 bis 16 Millimeter bei 28 bis 32 Millimetern. Der Kopf ist lang, der Rüssel trotzdem kurz: 11 bis 12 Millimeter bei der Königin, 8 bis 10 bei der Arbeiterin und 7 bis 9 beim Männchen. Die Art gehört zur Untergattung Pyrobombus, in Mitteleuropa lebt die Unterart Bombus hypnorum ericetorum.
Verbreitung und Lebensraum
Der Name verweist auf den ursprünglichen Lebensraum. Auch die wissenschaftliche Bezeichnung Bombus hypnorum tut das: Sie setzt sich aus dem lateinischen Wort für den dumpfen Flugton und dem griechischen Begriff für Baummoos zusammen. In Nordeuropa und Sibirien lebt die Art vor allem in borealen Nadelwäldern, in den Gebirgen Mittel- und Südeuropas in montanen Wäldern. Nach Süden reicht sie bis in die Pyrenäen und die Gebirge des Balkans, nach Norden bis an die Barentssee und nach Osten bis an den Pazifik. Vor dreißig Jahren fehlte sie noch an der Küste der Bretagne. In Mitteleuropa hat sie sich längst auch abseits der Wälder eingerichtet und besiedelt Dörfer, Städte, Parks sowie Haus- und Kleingärten bis in Höhenlagen von rund 2200 Metern.
Ältere Meldungen der Baumhummel aus dem Himalaya gehören nach einer Revision des Artkomplexes von 2022 zu einer eigenen Art, Bombus bryorum, die von Pakistan bis Arunachal Pradesh in 2286 bis 3900 Metern Höhe lebt. Ein 2024 veröffentlichter indischer Erstnachweis der Baumhummel für den Bundesstaat Himachal Pradesh zieht diese Revision nicht heran. Ob die Tiere dort tatsächlich zu Bombus hypnorum gehören, ist deshalb offen.
Nistplätze
Die Baumhummel nistet immer oberirdisch und gern in einiger Höhe. Sie bezieht alte Vogelnester, Meisenkästen und andere Nisthöhlen, Mauer- und Felsspalten, Dachböden mit Dämmwolle, Ställe und Scheunen. In Vogelkästen zieht sie besonders gern ein, wenn dort noch das alte Nest der Vögel liegt. Wer das verhindern möchte, reinigt die Kästen rechtzeitig und nimmt das alte Nistmaterial vollständig heraus. Hummelnistkästen werden ebenfalls besiedelt, wegen der Vorliebe für hoch gelegene Plätze aber seltener als von anderen Arten.
Im Dach fallen Baumhummelnester oft durch deutliches Summen auf. Schäden durch Nagen oder Nestabfall verursachen sie nicht. Viele Jungköniginnen prägen sich beim Ausflug die Lage des Mutternests ein und gründen im nächsten Jahr in der Nähe ein eigenes Nest, so dass derselbe Platz oft mehrere Jahre nacheinander besiedelt wird. Den Pollen lagert die Baumhummel in Wachstöpfen, sie ist also ein Pollenaufbewahrer.
In England wurde die Nestdichte genetisch geschätzt. Liam Crowther und Kollegen ordneten dazu Arbeiterinnen über Erbgutmerkmale ihren Völkern zu und kamen in einem Untersuchungsgebiet auf 2,56 Völker je Hektar im Jahr 2014 und 0,72 im Jahr 2015. Die Arbeiterinnen sammelten im Mittel nur etwa 104 Meter vom Nest entfernt, deutlich näher als bei den meisten anderen untersuchten Hummelpopulationen.
Paarung
Ab etwa Mitte Juni patrouillieren die Männchen vor den Nestern und warten auf ausfliegende Jungköniginnen. Sie ergreifen eine Königin im Flug, die Paarung selbst findet anschließend am Boden statt.
Volk und Nestverteidigung
Ein Baumhummelvolk umfasst je nach Nahrungsangebot und Witterung 80 bis rund 400 Tiere. Die Entwicklung verläuft schnell: Die Königinnen erscheinen ab März oder April, Jungköniginnen und Männchen ab Ende Mai oder Anfang Juni, und die meisten Völker sind bis Ende Juli erloschen, nur selten bestehen sie bis Ende August. Damit gehört die Baumhummel neben der Wiesenhummel und der Gartenhummel zu den Arten, die ihre Geschlechtstiere am frühesten im Jahr aufziehen. Junge Königinnen helfen im Nest noch bei der Brutpflege mit.
Am Nest ist die Baumhummel reizbarer als andere Hummeln. Wird ein Volk gestört, fliegen Arbeiterinnen gezielt das Gesicht oder andere unbedeckte Körperstellen an und stechen sofort. Paul Westrich beobachtete allerdings, dass sich Völker an tägliche Kontrollen gewöhnen und eine Besichtigung dann eher dulden als Völker, die nie gestört wurden.
Ausbreitung nach Großbritannien, Island und Irland
Wie gut die Baumhummel mit Siedlungen zurechtkommt, zeigt ihre Ausbreitung auf den Britischen Inseln. 2001 wurde sie zum ersten Mal im Süden Englands nachgewiesen, 2012 erreichte sie Schottland. Da sie nicht als Bestäuber gezüchtet oder gehandelt wird, ist sie höchstwahrscheinlich von selbst über den Ärmelkanal aus Nordfrankreich gekommen. Innerhalb von zwölf Jahren breitete sie sich fast 600 Kilometer nach Norden aus und besiedelt heute weite Teile Englands, Wales und das südliche Schottland. Island erreichte sie gegen Ende der 2000er Jahre; Anselm Kratochwil nennt eine erste Beobachtung 2008 und gesicherte Nachweise ab 2010, inzwischen auch von Königinnen. In Irland wurde im September 2017 im Dubliner Park St Stephen’s Green das erste Tier belegt. Während viele Hummelarten zurückgehen, gehört die Baumhummel damit zu den wenigen Arten, deren Verbreitungsgebiet wächst.
Eine Untersuchung in Norfolk zeigte, wo die Neuankömmlinge in England leben. Je mehr Siedlungs- und Waldfläche im Umkreis von 250 Metern lag, desto mehr Baumhummeln zählten die Forscher; je mehr Rapsfelder, desto weniger. Diese Kombination fand sich bei keiner anderen der sechs verglichenen Hummelarten. Die Autoren folgern, dass die Baumhummel Lebensräume nutzt, die von den einheimischen Hummeln wenig beansprucht werden, und deshalb neben ihnen bestehen kann.
Blütenbesuch
Die Baumhummel sammelt Pollen an Pflanzen vieler Familien und gilt als polylektisch. Im Vergleich mit anderen Hummeln flog sie in Norfolk bevorzugt blühende Gehölze an, vor allem Weißdorn und Schlehe, während sie Raps, Gundermann und Weiße Taubnessel seltener besuchte als die anderen Arten. Weil sie früh im Jahr fliegt und dabei auch blühende Bäume und Sträucher in größerer Höhe besucht, ist sie im Frühjahr an Obstgehölzen zu finden.
Gegenspieler
Der Sozialparasit der Baumhummel ist die Norwegische Kuckuckshummel (Bombus norvegicus). Ihr Weibchen dringt in Baumhummelnester ein und lässt die eigene Brut von den Arbeiterinnen aufziehen. Häufig werden die Nester außerdem von der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) befallen.
Gefährdung
In Deutschland gilt die Baumhummel als ungefährdet, ihr Bestand ist nach der Roten Liste von 2011 lang- und kurzfristig stabil. Die Europäische Rote Liste der Bienen von 2014 stuft sie ebenso als ungefährdet ein.
Der europäische Hummelatlas von Pierre Rasmont und Kollegen (2015) hat durchgespielt, wie sich das klimatisch geeignete Gebiet der Art bis 2050 und 2100 bei gemäßigter, mittlerer und starker Erwärmung verändert. Für die Baumhummel sagen alle Szenarien deutliche Verluste in den Tieflagen voraus, bis 2100 je nach Szenario 54 bis 72 Prozent. Im ungünstigen Fall verschwände sie südlich des 55. Breitengrads fast überall aus dem Flachland, also auch in Deutschland. Weil sie sich gerade stark ausbreitet und eng an Siedlungen gebunden ist, halten die Autoren sie trotzdem nicht für gefährdet.
Nach der Bundesartenschutzverordnung ist sie besonders geschützt: Nester dürfen nicht beschädigt oder zerstört, einzelne Tiere nicht gefangen, verletzt oder getötet werden. Für ein Nest im Rollladenkasten oder unter dem Dach heißt das, abzuwarten, bis das Volk im Sommer von selbst erlischt.
Quellen
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- Westrich, P., Frommer, U., Mandery, K., Riemann, H., Ruhnke, H., Saure, C. & Voith, J. (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Bienen (Hymenoptera, Apidae) Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3), S. 373 bis 416. PDF: wildbienen.info/downloads/rote_liste_bienen_fassung_5.pdf
- Ogan, S., Grabener, S., Sommerlandt, F. & Dieker, P. (2023): Feld-Bestimmungshilfe für Hummeln in Deutschland, Version 2023.2. Thünen-Institut für Biodiversität. wildbienen.thuenen.de
- Crowther, L. P., Hein, P.-L. & Bourke, A. F. G. (2014): Habitat and Forage Associations of a Naturally Colonising Insect Pollinator, the Tree Bumblebee Bombus hypnorum. PLoS ONE 9 (9), e107568. doi.org/10.1371/journal.pone.0107568
- Crowther, L. P., Wright, D. J., Richardson, D. S., Carvell, C. & Bourke, A. F. G. (2019): Spatial ecology of a range-expanding bumble bee pollinator. Ecology and Evolution 9 (3), S. 986 bis 997. doi.org/10.1002/ece3.4722
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osmia aktualisiert.
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