Bombus defector

Der Name dieser Hummel bedeutet Überläufer oder Abtrünniger. Alexander Skorikow wählte ihn 1910 vermutlich deshalb, weil sich das Tier in der Färbung leicht von den verwandten Hummeln unterschied, die im selben zentralasiatischen Gebirge fliegen.

Bombus defector ist die materialreichste Art ihrer Untergattung nach Bombus handlirschianus. Für die Revision der Mendacibombus-Arten von 2016 wurden 77 Königinnen, 233 Arbeiterinnen und 173 Männchen untersucht, aus China, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan.

Eine Art, die aus einem Missverständnis hervorging

Skorikow diagnostizierte die Art über das Farbmuster: Körbchen schwarz gerahmt, gelbe Binden. Alle bekannten Tiere sind tatsächlich gelb gebändert, keines weiß. Trotzdem trägt das Merkmal die Art nicht, weil sie viel veränderlicher ist als ursprünglich angenommen.

Die heutige Abgrenzung stützt sich auf die DNA sowie auf die Form der Oberlippe der Weibchen und der Genitalien der Männchen. Sie widerspricht damit den Vorstellungen, die Skorikow selbst 1931 noch vertrat.

Ein Nebeneffekt dieser Neuordnung: Die Nahrungspflanzen dieser Art stehen in älteren Arbeiten von Williams aus 1991 und 2011 unter dem Namen Bombus makarjini. Wer heute nach Blütenbesuchen von defector sucht, muss unter dem falschen Namen nachschlagen.

info hummelBei zentralasiatischen Hummeln ist das ein wiederkehrendes Problem: Ältere Literaturangaben lassen sich oft nicht mehr eindeutig einer Art zuordnen, weil die Artgrenzen inzwischen anders gezogen werden. Nur wer die Belegtiere nachbestimmt, kommt weiter.

Wo sie lebt

Ihr Gebiet sind der Tian Shan, einschließlich des Bogda Shan, und der Alai. Der Lebensraum sind blütenreiche alpine und subalpine Rasen zwischen 936 und 3108 Metern, im Mittel auf 2174 Metern.

Verglichen mit Bombus turkestanicus reicht defector weiter nach Osten in den Bogda Shan hinein, überlappt in der Mitte des Gebiets großflächig und kommt dort oft zusammen mit turkestanicus vor, bleibt aber weiter im Norden. Mit Bombus margreiteri trifft sie im Tian Shan zusammen, manchmal am selben Ort.

Warum die Obergrenze auffällt

3108 Meter sind für eine Mendacibombus-Art wenig. Bombus superbus aus derselben Untergattung fliegt oberhalb von 4800 Metern, Bombus turkestanicus steigt bis 4350 Meter. Bombus defector bleibt deutlich darunter und ist damit eine der tiefer lebenden Arten dieser Hochgebirgsgruppe.

Das passt zu ihrer Verbreitung im Bogda Shan, einem Gebirgszug am Nordrand des Turfan-Beckens, dessen Kämme niedriger sind als die Ketten des Pamir.

Was trotz 483 Tieren fehlt

Zum Verhalten steht in der Revision der Eintrag “keine Nachweise”, mit einem Verweis auf die entsprechenden Bemerkungen bei Bombus turkestanicus, wo ebenfalls nichts vorliegt.

Es gibt also kein beschriebenes Nest, keine Angabe zur Volksstärke, keinen dokumentierten Jahresablauf, keine beobachtete Paarung. Bei fast fünfhundert untersuchten Tieren ist das bemerkenswert und zeigt, worauf sich die Erforschung asiatischer Hummeln bisher konzentriert hat: auf Museumsmaterial und auf Gensequenzen, nicht auf Freilandbeobachtung.

Immerhin lässt sich mit dieser Materialmenge etwas sagen, was bei den seltenen Arten der Untergattung unmöglich ist: Das Verbreitungsbild und die Höhenspanne sind belastbar, und die Überschneidung mit den Schwesterarten ist gut belegt.

Quellen

  • Williams P.H., Huang J., Rasmont P. & An J. 2016. Early-diverging bumblebees from across the roof of the world: the high-mountain subgenus Mendacibombus revised from species gene coalescents and morphology (Hymenoptera, Apidae). Zootaxa 4204: 1 bis 72
  • Williams P.H. 1991. The bumble bees of the Kashmir Himalaya (Hymenoptera: Apidae, Bombini). Bulletin of the British Museum (Natural History), Entomology 60: 1 bis 204
  • Williams P.H. 1998. An annotated checklist of bumble bees with an analysis of patterns of description. Bulletin of the Natural History Museum, London (Entomology) 67: 79 bis 152
  • Williams P.H. et al. 2026. Evolutionary tree for all bumblebee species world-wide estimated by combining information from fast-evolving genes, slow-evolving genes, and genomic data (Apidae, Bombus). Insects 17: 540

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