Seidenbienen

Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae) sammelt Pollen an EfeublütenIm September und Oktober, wenn der Efeu blüht, sammeln an seinen Dolden oft zahlreiche Bienen mit gelblich gebändertem Hinterleib. Es sind Efeu-Seidenbienen, eine der letzten Wildbienenarten des Jahres. Sie gehören zur Gattung Colletes. Ihren deutschen Namen haben die Seidenbienen von der Auskleidung ihrer Brutzellen, einer dünnen, durchscheinenden Haut mit seidigem Glanz. In Deutschland sind 15 Arten nachgewiesen, zwei davon gelten als ausgestorben. Weltweit kennt man rund 330 Arten. Die Gattung lebt in gemäßigten und tropischen Gebieten fast der ganzen Erde, nur in der indoaustralischen Region fehlt sie.

Aussehen

Seidenbienen werden 7 bis 16 Millimeter groß. Sie sind schwarz und meist dicht gelblichgrau behaart. Auf dem Hinterleib tragen die meisten Arten breite helle Binden aus fein verzweigten Härchen, die wie Filz wirken. Die Weibchen haben einen spitz zulaufenden Hinterleib. Ein Merkmal, das man nur unter der Lupe sieht, ist die kurze, zweilappige Zunge.

Die meisten Arten sind im Gelände nur schwer auseinanderzuhalten. Eine Ausnahme ist die Frühlings-Seidenbiene, mit 11 bis 14 Millimetern eine der größten heimischen Arten. Ihre Haarbinden sind nur angedeutet, die Brust ist dicht rostbraun behaart. Sie wird oft mit der Honigbiene verwechselt. Den Unterschied zeigen die Hinterbeine: Bei der Honigbiene sind sie stark verbreitert und in der Mitte glänzend und haarlos, die Seidenbiene trägt dort eine Bürste aus langen, dichten Haaren, in der sie den Pollen transportiert.

Nester mit Polyester

Alle Seidenbienen leben solitär, nisten aber oft dicht beieinander. Ihre Kolonien im Boden können mehrere tausend Tiere umfassen. Die Weibchen graben mit den Oberkiefern, dabei ist ein deutlicher Summton zu hören. Vermutlich helfen die Vibrationen, die Erdteilchen zu lösen. Die Frühlings-Seidenbiene legt Gänge von bis zu 50 Zentimetern Länge an, bei der Efeu-Seidenbiene liegen die Brutzellen meist 18 bis 22 Zentimeter tief.

Die Wände der Brutzellen überziehen die Weibchen mit einem Sekret, das sie mit der Zunge auftragen. Es härtet zu einer wasserdichten, durchsichtigen Haut aus, die an Zellophan erinnert. Lange hielt man es für ein Produkt der Drüsen am Oberkiefer. Eine Studie zeigte 1979, dass es aus der Dufourdrüse im Hinterleib stammt und chemisch ein Polyester ist. Die Biene speichert die Bausteine als ringförmige Moleküle und verknüpft sie beim Auftragen zu langen Ketten. In dieser geschützten Zelle liegt ein zähflüssiger Vorrat aus Pollen und Nektar.

info hummelDie Efeu-Seidenbiene wurde erst 1993 wissenschaftlich beschrieben, nach Tieren aus Karlsruhe. Vorher hatte man sie mit nah verwandten Arten verwechselt. In den Jahren danach fand man weitere Vorkommen in Südwestdeutschland, seit 2006 breitet sie sich stark aus. Heute lebt sie bis nach Niedersachsen, Berlin und Brandenburg und im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb bis in 900 Meter Höhe. In der Ebene und im Hügelland dürfte sie inzwischen zu den häufigsten Bienenarten gehören.

Spezialisten für bestimmte Pflanzen

Viele Seidenbienen sammeln ihren Pollen nur an einer Pflanzenfamilie oder Gattung. Die Efeu-Seidenbiene ist weitgehend an Efeu gebunden und sammelt noch bei 10 Grad Lufttemperatur. Die Mannstreu-Seidenbiene braucht Mannstreu, die Ochsenzungen-Seidenbiene die Ochsenzunge, die Dünen-Seidenbiene Schmetterlingsblütler. Mehrere Arten, darunter die Buckel-Seidenbiene, die Rainfarn-Seidenbiene und die Filzbindige Seidenbiene, sind auf Korbblütler spezialisiert.

Frühlings-Seidenbiene (Colletes cunicularius) auf einem Blatt im MärzWie unsicher solche Einordnungen sein können, zeigt die Frühlings-Seidenbiene. Noch vor rund 20 Jahren galt sie als strenge Weidenspezialistin. Heute ist bekannt, dass sie Pollen aus mindestens sechs Pflanzenfamilien sammelt, etwa an Obstbäumen, Ahorn und Eichen. Weiden bevorzugt sie aber deutlich. Sie fliegt von Mitte März bis Mai und überwintert als fertige Biene im Boden. Die Weibchen brauchen etwa sechs Wochen, um ihre Brutzellen zu füllen, und sterben danach. Gern nistet die Art an sandigen Pionierstandorten, auch in Sandkästen auf Spielplätzen. Für Kinder ist das ungefährlich, denn die Männchen haben keinen Stachel und der Stachel der Weibchen ist sehr schwach.

Beide Geschlechter verbreiten einen Geruch, der an Zitrusfrüchte erinnert. Er stammt aus Drüsen am Oberkiefer, bei neun untersuchten Arten vor allem aus Linalool. Welche Rolle er spielt, ist noch nicht ganz geklärt.

Kuckucksbienen

Die wichtigsten Kuckucksbienen der Seidenbienen sind die Filzbienen der Gattung Epeolus. Die Heide-Filzbiene lebt vor allem bei der Heidekraut-Seidenbiene, die Gewöhnliche Filzbiene bei mehreren Arten, die an Korbblütlern sammeln. Bei der Efeu-Seidenbiene kommen die Gewöhnliche Filzbiene und die Efeu-Filzbiene vor. Bei der Frühlings-Seidenbiene legt die Riesen-Blutbiene ihre Eier ab. Sie taucht ab Mitte April an den Nistplätzen auf.

Gefährdung

Häufig sind nur wenige Arten: die Frühlings-Seidenbiene, die Buckel-Seidenbiene und die Efeu-Seidenbiene. Die Efeu-Seidenbiene stand 1998 noch als gefährdet auf der Roten Liste, 2011 galt sie als ungefährdet. Viele andere Arten leben nur an wenigen Orten. Die Strandaster-Seidenbiene kommt nur an der Küste vor, die Mannstreu-Seidenbiene nur am Kaiserstuhl, wo ihre einzige Population von Pflegemaßnahmen abhängt. Die Kaspische Seidenbiene wurde zuletzt 1936 gefunden, die Dolden-Seidenbiene 1909.

Quellen

  • Scheuchl E., Schwenninger H. R., Burger R., Diestelhorst O., Kuhlmann M., Saure C., Schmid-Egger C. und Silló N. (2023): Die Wildbienenarten Deutschlands. Kritisches Verzeichnis und aktualisierte Checkliste der Wildbienen Deutschlands (Hymenoptera, Anthophila). Anthophila 1: 25 bis 138
  • Westrich P.: Gattung Colletes, Seidenbienen. wildbienen.info/system/gattung_colletes.php
  • Westrich P.: Steckbriefe Colletes cunicularius, Colletes hederae, Colletes succinctus und Colletes daviesanus. wildbienen.info/steckbriefe/
  • Arbeitskreis Wildbienen-Kataster (2023): Die Frühlings-Seidenbiene, Wildbiene des Jahres 2023. wildbienen-kataster.de/wp-content/uploads/2024/06/wb2023.pdf
  • Hefetz A., Fales H. M. und Batra S. W. T. (1979): Natural polyesters: Dufour’s gland macrocyclic lactones form brood cell laminesters in Colletes bees. Science 204: 415 bis 417. Ausgewertet wurde die Zusammenfassung
  • Westrich P., Frommer U., Mandery K., Riemann H., Ruhnke H., Saure C. und Voith J. (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Bienen (Hymenoptera, Apidae) Deutschlands. Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 373 bis 416
  • Foto: Bernard Noguès (berzou), Beobachtung vom 17.09.2022, 83210 Solliès-Toucas, France. inaturalist.org/observations/135412357, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert. Das Bild zeigt eine Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae) beim Pollensammeln an Efeublüten in Südfrankreich
  • Foto: Nadja Baumgartner (nadjabaum), Beobachtung vom 04.03.2020, 8008 Zürich, Schweiz. inaturalist.org/observations/48097447, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert. Das Bild zeigt eine Frühlings-Seidenbiene (Colletes cunicularius) Anfang März in Zürich

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