5,5 Millionen Sandbienen unter einem Friedhof
In der Nordostecke eines Friedhofs in Ithaca im US-Bundesstaat New York schlüpfen jedes Frühjahr Millionen Bienen aus dem Rasen. Es ist die Sandbiene Andrena regularis, eine einzeln lebende Art, die ihre Nester in den Boden gräbt. Eine Arbeitsgruppe der Cornell University hat die Tiere 2023 beim Schlüpfen gezählt und kam auf rund 5,5 Millionen auf einer Fläche von gut einem halben Hektar. Es ist eine der größten Ansammlungen bodennistender Bienen, die je beschrieben wurden, und möglicherweise eine der ältesten.
Eine Kolonie unter dem Rasen
Andrena regularis kommt im Süden Kanadas und im Norden der USA vor, in Europa lebt sie nicht. Sie fliegt im zeitigen Frühjahr, eine Generation im Jahr. Jedes Weibchen gräbt ein eigenes Nest mit vier bis fünf Brutzellen in 10 bis 22 Zentimetern Tiefe und versorgt sie mit Pollen und Nektar. Die Art sammelt an vielen Pflanzen, bevorzugt aber Rosengewächse wie Apfel, Kirsche, Felsenbirne und Weißdorn. Die fertig entwickelten Bienen überwintern im Boden und kommen im folgenden Frühjahr heraus.
Der East Lawn Cemetery war ursprünglich ein Bauernhof und ist seit 1878 ein Friedhof. Sammlungsbelege der Sandbiene von dort reichen bis 1935 zurück. Die große Kolonie selbst fiel erst 2021 auf, als in der Nordostecke zahlreiche Nester gefunden wurden, in einem halbschattigen, regelmäßig gemähten Rasen zwischen Grabsteinen, Fichten, Kiefern und Ahornbäumen. Der Boden dort ist ein sandiger Lehm mit zwei Dritteln Sandanteil.
Wie man Bienen im Boden zählt
Steven Hoge, Bryan Danforth und Kollegen stellten Ende März 2023, noch bevor die ersten Bienen schlüpften, zehn Schlupffallen auf die Fläche. Eine solche Falle ist ein kleines Zelt, das eine Bodenfläche von 0,36 Quadratmetern abdeckt. Was darunter aus der Erde kommt, landet in einem Sammelgefäß. Bis Mitte Mai leerten die Forscher die Fallen fast täglich. Die Fläche der Kolonie bestimmten sie, indem sie an einem warmen Tag den Rand der Nestansammlung abliefen, und kamen auf 6523 Quadratmeter.
Insgesamt fingen sie 3251 Insekten aus 16 Arten, Bienen, Fliegen und Käfer, die weitaus meisten davon Andrena regularis. Die Fallen fingen dabei sehr unterschiedlich viel. Eine lieferte 745 Sandbienen, eine andere keine einzige. Im Mittel kamen auf einen Quadratmeter rund 850 schlüpfende Bienen. Auf die ganze Fläche hochgerechnet ergibt das 5,56 Millionen Tiere, mit einer statistischen Spanne von 3,1 bis 8,0 Millionen. Weil auch im übrigen Friedhof vereinzelte Nester liegen, halten die Autoren diese Zahl eher für zu niedrig.
Die Kuckucksbiene kommt später
Mit den Sandbienen schlüpften auch ihre Gegenspieler. Am häufigsten war die Wespenbiene Nomada imbricata, eine Kuckucksbiene, die ihre Eier in die Brutzellen der Sandbiene schmuggelt. Ihre Larve frisst dort den Vorrat, der für die Sandbienenlarve bestimmt war. Hochgerechnet schlüpften rund 78.000 dieser Kuckucksbienen. Gemessen an der Zahl der Sandbienen waren aber nur 1,4 Prozent der Brutzellen von ihr befallen. Über 52 frühere Studien an bodennistenden Bienen hinweg liegt der Wert im Schnitt bei 6,7 Prozent. Dazu kamen eine Dickkopffliege (Myopa vicaria), die erwachsene Bienen befällt, und ein Ölkäfer (Lytta aenea). Dass dieser Käfer Sandbienen parasitiert, war bisher nicht bekannt und muss nach Einschätzung der Autoren erst noch bestätigt werden.
Auffällig war der zeitliche Ablauf. Die Sandbienen schlüpften in großen Schüben, sobald die Tageshöchsttemperatur über 20 Grad stieg, der Großteil in den ersten Tagen, die Männchen vor den Weibchen. Die Kuckucksbienen erschienen dagegen verzögert und über die ganzen sechs Wochen verteilt. Für die Autoren ergibt das Sinn: Eine Wespenbiene legt ihr Ei in eine offene Brutzelle, während der Wirt sie noch mit Vorräten füllt. Direkt nach dem Schlupf der Sandbienen gibt es solche Zellen noch nicht, denn die Weibchen müssen sich erst paaren und ihre Nester graben.
Ein gesunder Bestand
Unter den geschlüpften Sandbienen waren 60,6 Prozent Männchen. Das ist bei Bienen üblich, denn Männchen sind kleiner und kosten die Mutter weniger Futter. Rechnet man das Körpergewicht mit ein, hatten die Weibchen des Vorjahres aber mehr in Töchter investiert, als nach der gängigen Theorie zu erwarten wäre. Einzeln lebende Bienen können das Geschlecht ihres Nachwuchses steuern und weichen bei Futtermangel auf die billigeren Söhne aus. Die Autoren schließen daraus, dass die Kolonie 2022 keinen Mangel an Blüten litt.
Woher das Futter kommt, lässt sich gut vermuten. Nur 600 Meter entfernt liegt eine Apfelplantage der Cornell University. Dort war Andrena regularis bei Zählungen zwischen 2008 und 2015 der häufigste Bestäuber, häufiger als die Honigbiene. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Weibchen in Apfelplantagen fast reinen Apfelpollen tragen.
Friedhöfe als Rückzugsort
Die Autoren halten die Friedhofskolonie für die wichtigste Bestäuberquelle der benachbarten Apfelplantage und fordern, große Nistansammlungen einzeln lebender Bienen gezielt zu suchen und zu erhalten. Die meisten Bienenarten der Erde nisten einzeln im Boden, und gerade über sie ist wenig bekannt. Friedhöfe gelten zunehmend als Rückzugsorte für Pflanzen und Tiere, besonders in Städten. Die Autoren verweisen dabei auf eine Untersuchung auf einem jüdischen Friedhof in Berlin, einem der größten Europas, wo 604 Arten von Blütenpflanzen, Moosen, Flechten, Fledermäusen, Vögeln, Spinnen und Laufkäfern gefunden wurden, 48 davon mit Schutzbedarf. Eine andere Arbeit zeigte, dass Friedhöfe in Städten Hitze besser abpuffern als Kleingärten oder Parks.
Die Studie hat ihre Grenzen. Unter den Fallen schlüpften die Bienen wegen des Schattens etwa fünf Tage später als ringsum. Die Gesamtzahl beruht auf zehn Fallen, die zusammen nur 3,6 Quadratmeter abdeckten, und die Bestände einzeln lebender Bienen können von Jahr zu Jahr stark schwanken. Die Autoren empfehlen solche Schlupffallen für weitere Kolonien, mahnen aber zur Vorsicht bei seltenen Arten, denn jede gefangene Biene fehlt der Kolonie.
Quellen
- Hoge, S. T., Kueneman, J. G., Fordyce, R., Dobler, C., Odanaka, K. & Danforth, B. N. (2026): Emergence dynamics and host-parasite associations in a large aggregation of Andrena regularis (Hymenoptera: Apoidea: Andrenidae). Apidologie 57: 29, doi 10.1007/s13592-026-01256-6, Lizenz CC BY 4.0 (Volltext ausgewertet)
- Cornell University (April 2026): 5.5M ground nesting bees make home in Ithaca cemetery, news.cornell.edu/stories/2026/04/55m-ground-nesting-bees-make-home-ithaca-cemetery
- Kowarik, I., Buchholz, S., von der Lippe, M. & Seitz, B. (2016): Biodiversity functions of urban cemeteries: evidence from one of the largest Jewish cemeteries in Europe. Urban Forestry & Urban Greening 19: 68 bis 78 (zitiert nach Hoge u. a. 2026)
- Stumpe, B., Stuhrmann, N., Jostmeier, A. & Marschner, B. (2024): Urban cemeteries: the forgotten but powerful cooling islands. Science of the Total Environment 934: 173167 (zitiert nach Hoge u. a. 2026)
- Foto: Kayla P. (mantises), Beobachtung vom 20.05.2026, Itasca Biological Station and Laboratories, Park Rapids, MN, US. inaturalist.org/observations/363484112, Lizenz CC BY-NC 4.0, creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0, unverändert


