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Antwort auf: Aktive Ansiedlung von Hummelköniginnen

#55246
AvatarKai
Buchtip:

Moin,

ich war lange nicht mehr aktiv und habe heute mal wieder reingeschaut, da ist mir sofort dieser Faden ins Auge gesprungen. Als jemand, der beruflich und ehrenamtlich im Naturschutz und der Landschaftsplanung arbeitet, würde ich gerne etwas Licht ins Dunkel bringen, denn es ist auch einiger – wenngleich gutgemeinter – Quatsch geschrieben worden.

Ist eine Anleitung zum Fang von Tieren (hier Hummeln) problematisch?

Eine Anleitung, wie man Tiere fängt, ist völlig unproblematisch. Sonst müsste auch jedes Anglerheft und jede Jagdgzeitung nur mit Vorlage eines aktuellen Jagd- oder Fischereischein zu erstehen sein. Etwas anders könnte sich das darstellen, wenn man darin explizit zu Straftaten aufruft.

Ich nehme die Hummel ja nur kurz in die Hand/den Kescher/die Spritze. Das ist doch kein Fangen?

Natürlich wird den Hummeln zum Zwecke des Einsetzens nachgestellt und natürlich werden sie gefangen (gehalten). Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) kennt dort keine zeitlichen Einschränkungen wie “nur mal kurz in der Hand gehabt”.

Der §44(1) regelt die sogenannten Zugriffsverbote:

Es ist verboten,

1.

wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören,

2.

wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Mauser-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören; eine erhebliche Störung liegt vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art verschlechtert,

3.

Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören,

4.

wild lebende Pflanzen der besonders geschützten Arten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, sie oder ihre Standorte zu beschädigen oder zu zerstören.

Benannt sind hier die “besonders geschützten Arten” und die “streng geschützten Arten”. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass man anderen Tieren deswegen nachstellen darf. Hier werden dann ggf. andere Gesetze tangiert (Bundes- und Landesjagdgesetze, Fischereiverordnungen, etc.).

Was sind nun “besonders geschützte Arten” und “streng geschützte Arten”?

Zunächst, “streng geschützt” ist auch immer “besonders geschützt”.
Es gibt keine Gesamtliste, die alle Arten beiden Gruppen enthält. Vielmehr finden sich in verschiedenen Gesetzen und Rechtsverordnungen die Grundlagen für die Einteilung. Am bekanntesten dürfte die FFH-Richtline sein, die mit ihren Anhängen Tiere und Pflanzen beider Gruppen abbildet. Allerdings sind die Hummeln dort nicht zu finden, jedoch in der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV). In der Anlage 1 des Gesetzes findet man unter Apoidea spp. ein “+” in der Spalte “besonders geschützte Arten”.

Warum dürfen manche Personen Tiere der “besonders geschützten Arten” und der “streng geschützten Arten” fangen oder gar töten?

Weil diese eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung innehalten. In diesen Genehmigungen ist klar geregelt, was wer wozu und wie lange darf. So habe ich zum Beispiel solche Genehmigungen für den Fang von Fledermäusen zu wissenschaftlichen Zwecken im Rahmen eines Tierartenerfassungsprogramms.

Wer bekommt so eine Ausnahmegenehmigung und wer stellt diese aus?

Zuständig sind in der Regel die unteren Naturschutzbehörden (UNB). Wahrscheinlich wird man dort beim Thema Hummeln aber überfordert sein. Grundsätzlich erhält man eine Ausnahmegenehmigung auch nur, wenn man eine fachliche Eignung besitzt. Das muss kein Studium sein. Die fachliche Eignung kann auch anders nachgewiesen werden (z.Bsp. “Beringerschein” bei Ornithologen). Den Damen und Herren in der Behörde zu erklären, man sei ausgewiesener Hummelfachmann, weil man seit einigen Jahren Häuser stellt und hier im Forum teilnimmt, wird wahrscheinlich nicht in einer Erteilung münden. Denn wie ich bereits anmerkte, die Genehmigung wird für einen bestimmten, anerkannten Zweck erteilt. Und ob der Erhaltungszustand der Bombus-Population durch einige Hummelhäuser nachhaltig positiv beeinflusst wird, wage ich zu bezweifeln. Die Damen und Herren in der Behörde lassen sich bei entsprechenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu dem Thema aber sicher umstimmen. So eine Genehmigung ist meist kostenfrei, wenn der Landkreis/das Land ein Interesse an den Tätigkeiten hat und man die Daten ausleitet. Ansonsten kann diese Geld kosten. Ob eine erfolglose Beantragung schon gebührenpflichtig ist, weiß ich nicht.
An das Bundesministerium zu schreiben, wie hier postuliert wurde, ist deswegen nicht zielführend, weil das BNatschG auf Landesebene durch die Landesnaturschutzgesetzte umgesetzt wird und Ausnahmegenehmigungen nicht durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU), sondern die UNBs erteilt werden. Das BMU ist überhaupt nicht zuständig. Wenn ich mein Auto zulassen will, schreibe ich auch nicht an Herrn Scheuer.

Noch ein Wort zu Tieren, die besendert werden (Telemetrie). Hierzu benötigt man neben einer eventuellen artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung auch eine Genehmigung zum Tierversuch. Die Voraussetzungen hierzu sind noch einmal deutlich erhöht.

Dass es alle gut meinen, indem sie Tiere fangen und einsetzen hat nun einmal überhaupt nichts mit der Rechtslage zu tun.

Ein ganz anderes Feld ist zudem natürlich noch das angesprochene “Gut gemeint – schlecht gemacht”.